Ritterorden vom heiligen Grab zu Jerusalem

"MIT MEINEM GOTT KANN ICH ÜBER MAUERN SPRINGEN" (Ps.18,30)

Evangelische und katholische Ordensritter pflegen ökumenischen Meinungsaustausch in Nürnberg


In der Nürnberger Komturei Caritas Pirckheimer hat die Ökumene Tradition: Am Tag der deutschen Einheit, dem 3.10.2006,  trafen sich die Mitglieder des evangelischen Johanniterordens, des Deutschen Ordens St. Mariens in Jerusalem, des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem und des Souveränen Malteser Ritterordens zu einem gemeinsamen Gottesdienst in der Jakobskirche. In seiner Begrüßungsrede gedachte der Gastgeber, der evangelische Pfarrer Helmut Weidinger, des Mauerfalles vor 17 Jahren. "Keiner hat dieses einschneidende historische Ereignis damals vorhergesehen" sagte Weidinger, "doch - ein merkwürdiger Zufall - in der Losung des evangelischen Kalenders vom 9. November 1989 stand für diesen Tag der 18. Psalm, Vers 30, und da wird gesagt: ´Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.` Daran knüpfe ich einen Traum: Wie wäre es, wenn wir über die Mauern sprängen, die zwischen den Konfessionen aufgebaut sind?" Der leitende Komtur des Deutschen Ordens, Prof. Dr. Hans-Joachim Pusch erinnerte in seinem Grußwort daran, dass die vier in Franken ansässigen Orden schon seit längerem eine Weggemeinschaft bilden: "Gemeinsam ist uns das Ziel, die christliche Idee hochzuhalten in der modernen Gesellschaft und auch gegenüber dem Islam."


DIE KIRCHE BRAUCHT DIE BEREITSCHAFT ZUR STÄNDIGEN ERNEUERUNG

Das Vierordenstreffen stand unter dem Thema der Reformation in Nürnberg. Dass im Neuen Testament einiges offen bleibe, wenn es um das Erscheinungsbild, um die "richtige Gestalt" der Kirche gehe, betonte Pater Georg Bertram vom Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem in seiner Predigt. Vieles trage nicht den Charakter des Unvergänglichen an sich. "Deshalb heißt ein altes Wort: ´Ecclesia semper reformanda´, die Kirche ist eine Gemeinschaft, die sich immer wieder erneuern muß " sagte der Karmeliterpater aus Straubing. Die Kirche sei eine geschichtliche Größe und habe ihre Geschichte. Und doch gebe es Leute, die die Kirche lieber vor der Geschichte bewahrt sähen. "Ihr Ärgernis beginnt schon mit Jesus von Nazareth, der Geschichtlichkeit angenommen, der sich nach dem Philipperbrief ´entäußert`hat. Gott übergeht nicht die Geschichte, um eine unmittelbare Beziehung zum Menschen einzugehen, sondern er geht darin ein. So darf die Kirche niemals den Eindruck erwecken, sie stehe höher als ihr Herr. Wollte die Kirche über der Zeit schweben, hörte sie auf, geschichtsfähig zu sein." sagte Bertram. Das habe sie aber auch nie getan.


ÜBEREINSTIMMUNG IN WESENTLICHEN GRUNDAUSSAGEN

Trotz leider immer wiederkehrender Rückschläge zeige sich doch, daß die alten konfessionellen Streitfragen heute an zahlreichen Punkten in Bewegung geraten seien. So stimmten wesentliche Grundaussagen über die Kirche bei den katholischen und evangelischen Christen überein, das gleiche gelte für die orthodoxen und anglikanischen Kirchen: "Alle bekennen gemeinsam die eine, heilige, katholische oder allgemeine Kirche als Versammlung der an Jesus Christus Glaubenden. Alle erkennen gemeinsam die Heilige Schrift, die Taufe, das Abendmahl und den geordneten Dienst als wesentliche Merkmale der Kirche an" hob Bertram hervor.


SELBSTERKENNTNIS IST DAS GEBOT DER STUNDE

Das große Anliegen der Reform sei heute zu einem verpflichtenden Programm geworden, das sich die katholische Kirche auf dem zweiten Vatikanischen Konzil ausdrücklich zu eigen gemacht habe. "Wir Christen müssen heute bereit sein, Abschied zu nehmen von dem, was nur eine zeitbedingte Ausdrucksform, aber nicht unverzichtbare Sache der Kirche selbst sei. Heute ist der christliche Glaube als solcher in Frage gestellt!" sagte der Karmeliterpater. Die geistigen Kräfte unserer Welt seien nicht mehr die Konfessionen und das, was sie bewegt, sondern eine atheistische Wissenschaft, antichristliche Weltanschauungen und Ideologien, innerweltliche soziale und politische Programme, die Glauben und Religion verwürfen. Selbsterkenntnis sei daher das Gebot der Stunde, so Bertram. "Fragen wir uns, welchen Beitrag unser Glaube für die Sinnerhellung des menschlichen Daseins und der Geschichte noch leistet. Wir Christen müssen zur Bewältigung der Weltprobleme beitragen: Zur Gerechtigkeit, zum Frieden, zu Brüderlichkeit und Solidarität, zur Überwindung der Kriege und zur Veränderung ungerechter Verhältnisse, damit die Welt Welt des Menschen bleibt und alle Herausforderungen auch in Zukunft meistern kann."


NÜRNBERG: DIE ERSTE REFORMIERTE STADT IM HL. RÖM. REICH

Nach dem Gottesdienst sprach Dr. Peter Fleischmann, Direktor des Staatsarchivs in Augsburg, zum Thema "Nürnberg im Reformationszeitalter des 16.Jahrhunderts". Nürnberg sei die erste Stadt im Reich gewesen, die sich den Thesen Luthers öffnete und die Reformation mit großer Konsequenz durchführte. Sie sei vom Rat der Stadt betrieben worden, habe aber in der Bürgerschaft breite Unterstützung gefunden. Anders als in anderen zum neuen Glauben übergetretenen Städten habe in den Nürnberger Kirchen aber kein Bildersturm stattgefunden: Dem von den Patriziern gesteuerten Rat lag es fern, die von den eigenen Familien gestifteten Kunstwerke vernichten zu lassen. Ein Glück für die Besucher der evangelischen Kirchen St. Sebald und St. Lorenz: Kostbare Mariendarstellungen und wunderschöne Heiligenfiguren sind dort bis heute zu  bewundern.

Csr. Birgit Grabner

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