Predigt von Weihbischof Heinrich Janssen anlässlich der Frühjahrsinvestitur des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem am 21.Mai 2006 im Dom zu Xanten

Dieser Dom lebt von den Zeugen, Zeugen, die in der Krypta begraben sind. Das ist sein Ursprung. In diesem Raum stehen wir. Die Zeit im Kirchenjahr erinnert, dass Mission zum Grundauftrag des Christen gehört. Am Fest Christi Himmelfahrt wird uns das wieder verkündet. Und das Evangelium von diesem Sonntag sagt uns etwas von unserer Beziehung zu Christus, der uns als Zeugen und Missionare haben will. Es steht dort: „Ihr seid meine Freunde“. Und damit wir nicht lange zu fragen brauchen: Gilt das für mich? Kann ich mir das zutrauen? wird uns klar gesagt: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt“ (Joh 15,16). Und wir bleiben nicht allein. Das ist auch Botschaft von Christi Himmelfahrt, die wir Donnerstag wieder hören: „Der Herr stand ihnen bei …“ (Mk 16,20).

In Raum und Zeit spielt sich unser Leben ab, auch unser Glaubensleben. Unser Verhältnis zu Christus lebt aus der Freundschaft mit ihm. Das gibt Mut und macht froh. So wollen wir den Raum, die Zeit und das Evangelium sprechen lassen.
1. Im Raum – hier im Dom – sprechen die Zeugen.
2. Unsere Zeit – nicht nur das Kirchenjahr mit Christi Himmelfahrt – fordert Mission.
3. Belebt und getragen wird das von der Freundschaft mit Christus.

Im Dom sprechen die Zeugen. Die Märtyrer zeigen uns den Weg. Schon bald nach dem Märtyrertod des hl.Viktor und seiner Gefährten entstand hier über ihren Gräbern ein Ort des Gedenkens. Das war in der zweiten Hälfte des 4.Jahrhunderts. Daraus ist der Dom entstanden. Und nach dem 2.Weltkrieg sind neue Gräber hinzugekommen. Männer wie Karl Leisner, Nikolaus Groß, Heinz Bello, Wilhelm Frede haben hier ihr Grab oder eine Stätte der Verehrung gefunden. Ihre Leidensgeschichte kann uns Wegweisung sein. Aus ihrem Leben und Sterben können wir Botschaften machen. Ein Kennzeichen der Märtyrer des 20.Jahrhunderts in unserem Land war, dass sie von der Bildfläche verschwanden, mundtot gemacht wurden. Man sah und hörte nichts von ihnen. Das war so gewollt. Sie waren in Konzentrationslagern und in Einzelhaft untergebracht, ehe sie hingerichtet wurden. In ihrer Ohnmacht sind sie stark geblieben. Die Zahl der Märtyrer, die im 20.Jahrhundert wegen ihres Glaubens gestorben sind, übersteigt um ein Vieles die Zahl der Märtyrer aus 1900 Jahren Kirchengeschichte vorher.

Es gibt eine Kraft des Evangeliums, die den Menschen in der Schwäche geschenkt wird. Der Hebräerbrief sagt über die großen Glaubensgestalten: „Sie sind stark geworden, als sie schwach waren“ (Hebr 11,34). Das gilt auch für die Märtyrer hier in Xanten. Das sind große Männer, aber doch keine Helden. Ihre wahrhafte Größe haben sie bekommen, als ihre Hände gefesselt waren. Karl Leisner im KZ Dachau, Heinz Bello im Gestapo-Gefängnis Berlin, Nikolaus Groß, der in Plötzensee starb. Die Märtyrer des 20.Jahrhunderts zeigen uns Christen von heute, wie der Weg des Glaubens geht.

(1) Wir können klar sagen, das Erbe der Märtyrer ist nicht Heldentum, sondern die Treue. Und da sind sie uns nahe. Der Glaube braucht heute besondere die Treue. Der Glaube kann nur wirksam sein und wirken, wenn er aus der Treue lebt.

(2) Die Märtyrer zeigen, der Glaube braucht eine neue Tiefe. Das ist gut ablesbar am Leben des 23jährigen Medizinstudenten Heinz Bello. Er ist nach seiner Verhaftung in den Wochen so gereift, dass er unmittelbar vor der Vollstreckung des Todesurteils seinen Eltern einen Brief schrieb, in dem er sie tröstet.

(3) Noch ein drittes Kennzeichen möchte ich nennen: die Hingabe. In Chile wurde 1984 der französische Priester André Jarlan ermordet. Man fand ihn erschossen, mit dem Kopf über die Bibel gebeugt. In einem seiner letzten Briefe schrieb er: „Diejenigen, die ihr eigenes Leben hingeben, sind es, die Leben ermöglichen.“ Treue, Tiefe des Glaubens und Hingabe sagen deutlich, die Märtyrer unserer Zeit zeigen den Christen den Weg in die Zukunft.

Der Zeuge ist immer auch Missionar. Christi Himmelfahrt erinnert uns daran, dass Jesus seine Freunde sendet. Gemeinschaft und Sendung sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. Mission war ein Begriff, der lange Zeit verdrängt, manchmal sogar verdächtigt und häufig verschwiegen wurde. Er gewinnt neue Bedeutung. Das zeigen auch Verlautbarungen, die mehr als andere Beachtung finden. Ich denke an die Schrift der Deutschen Bischöfe „Zeit zur Aussaat“. Unsere Zeit – nicht nur die Tage jetzt im Kirchenjahr - fordern Mission. Die französischen Bischöfe haben in einem Brief an die Katholiken sehr deutlich gesprochen: „Wir können uns nicht mehr mit dem Erbe begnügen, so reich es auch sein mag. Wir müssen das Geschenk Gottes unter neuen Bedingungen annehmen, so wie es die ersten Christen machten: das einfache und entschlossene Anbieten des Evangeliums Christi“. Christlicher Glaube ist nicht etwas für den privaten Raum des Menschen, sondern ein Lebensangebot Gottes an die Menschen. Und wir sollen es unter die Menschen bringen. Und den 83 Millionen Menschen in der Bundesrepublik Deutschland sind ca. 26 Millionen Katholiken, ähnlich groß ist die Zahl der evangelischen Christen. Aber in unserem Land leben auch 17 Millionen Ungetaufte, die auch keiner anderen Religion angehören.

Der Dom – der Raum – spricht von den Zeugen, unsere Zeit fordert die Missionare, die Botschaft des Sonntags sagt uns: Wir gehören zu den Freunden Jesu. Wir können nicht von Gottesbegriffen leben, wir brauchen Gottesbeziehung.
Der selige Pater Alfred Delp hat vor seiner Hinrichtung 1945 gesagt: „Der Mensch ist nur zusammen mit Gott Mensch“. Und die hl.Edith Stein, die in den Gaskammern von Auschwitz 1942 umgekommen ist, sagt: „Wer Gott nicht findet, der gelangt auch nicht zu sich selbst“. Aus der Freundschaft mit Christus bekommt unser Glaube Tiefe und unsere Gemeinschaft Festigkeit. In diesem Dom spüren wir, unsere Geschichte bleibt eine Geschichte des Heils. In jeder Eucharistiefeier leuchtet diese Verheißung auf und wird zur Lebenshoffnung. Amen.

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