Investitur in Stuttgart vom 3. - 5. Oktober 2003

„Gott und den Menschen nahe“

Die Herbstinvestitur des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem fand vom 3. bis 5. Oktober 2003 in der schwäbischen Metropole Stuttgart statt. Eingeladen hatten die beiden Komtureien St. Bonifatius, Walldürn, und St. Martin, Stuttgart. Das Neue Schloss der Landeshauptstadt war fest in ritterlicher Hand.

Reit- und Liederhalle, evangelische Kirchen, die Kon-Kathedrale des Doppelbistums Rottenburg-Stuttgart, das neue Schloss und die Königstraße als zentrale Einkaufsmeile haben jene Herbstinvestitur geprägt, die sich nahtlos in die 175-Jahr-Feier des Bistums einfügte: Stuttgart war Gastgeber der zweiten Investitur im Jubiläumsjahr 2003, denn bereits einige Monate zuvor in Köln war dem 70. Jahrestag der Gründung der Deutschen Statthalterei gedacht worden. Der Ritterorden hatte bewusst das Motto des Diözesanjubiläums, „Gott und den Menschen nahe“, aufgegriffen. Bei verschiedenen Anlässen stand vor allem der Bistumspatron, der Heilige Martin, im Vordergrund. Der Bischof von Rottenburg-Stuttgart, Cfr. Gebhard Fürst, bezeichnete Martin als europäischen Heiligen: „Er steht durch seine Biografie gerade auch in Zeiten eines immer mehr zusammenwachsenden Europas für den Dialog und die Verständigung zwischen den Völkern und Kulturen. Martin ist und bleibt eine Mahnung an uns, dass die Caritas unter uns lebendig sein muss.“ Die Sorge um die Verständigung zwischen den Völkern prägte auch die Gespräche über das Heilige Land. Bewegende und erschreckende Berichte während der Kapitelsitzung zeigten ein realistisches Bild und gleichzeitig, dass es trotz aller Hoffnungslosigkeit doch noch Hoffnung gibt. „Ohne unsere Hilfe wird für viele Menschen alles noch trauriger“, betonte die Vorsitzende der Heilig-Land-Kommission, Csr. Elisabeth Verreet. Nur allein materielle Hilfe reiche aber nicht aus, deshalb setze man auf die Kraft des Gebets, war die einhellige Meinung in Stuttgart. Gerade die Friedensvigil unterstrich diesen Wunsch nach Frieden im Heiligen Land. Cfr. P. Dr. Otfried Reuter nannte Beispiele, wie die Suche nach Frieden gelingen könne: „Am Frieden mitwirken heißt: Die Andersdenkenden nicht als Gegner ansehen. Wir wirken am Frieden mit, wenn wir dem anderen Gutes unterstellen.“ Es gelte, das eigene Wohl mit anderen Teilen zu wollen, so könne Frieden beginnen, meinte Pater Reuter.

Der Ort der Friedensvigil war auch ein Zeichen: In der Stiftskirche „Zum Heiligen Kreuz“, einem der Wahrzeichen Stuttgarts, wurde sie gefeiert und ist seit der Reformation die evangelische Hauptkirche Württembergs. So wurde die Vigil im Gebet um den Frieden gleichzeitig ein ökumenisches Zeichen. Johanniterrechtsritter Diethelm Lütze erinnerte an den bedeutenden Reformator Johannes Brenz, der in der Stiftskirche beigesetzt ist. „Keiner der Reformatoren hat sich so eindeutig für den Verbleib der Lutheraner in der una sancta catholica et apostolica ecclesia mit dem Papst an der Spitze ausgesprochen, wie Johannes Brenz“, betonte Lütz. Anlässlich des 50-jährigen Bestehens der südwestdeutschen Ordensprovinz überreichte er Statthalter Cfr. Prof. Dr. Paul Oldenkott als Geschenk ein Evangeliar: „Was der Deutschen Statthalterei des Ordens noch fehlt, ist ein ordensspezifisch gebundenes Evangeliar“, stellte Lütz fest und fügte die symbolischen Worte hinzu: „Nehmen Sie dieses Schwert des Geistes, es ist das Wort Gottes, und lassen Sie dieses in seinem ganzen Reichtum bei sich wohnen.“ Ein weiterer Ort der Ökumene war die Einstimmung der Kandidaten, die in der evangelischen Hospitalkirche stattfand. Hier versuchte Cfr. P. Dominik Kitta den Kandidatinnen und Kandidaten die spezifischen Elemente des Ordens nahezubringen: Vom Ordenskreuz bis zum Ordensgebetbuch.

Den 32 neuen Frauen und Männern war die feierliche Investitur in Stuttgart gewidmet. Über 450 Ordensdamen und Ritter zogen in einer fast endlosen Prozession vom Neuen Schloss über die vom samstäglichen Einkaufstrubel belebte Königstraße zur Kon-Kathedrale St. Eberhard. Es war ein typisches Bild, ein Zeugnis-Geben in der Öffentlichkeit: Nicht wenige Kameras wurden angesichts des ungewöhnlichen Aufmarsches gezückt, wobei die Besucher des Cafes „Künstlertreffen“ die bevorzugte Position hatten. An ihnen zog die Prozession vorbei, interessierte Blicke, verständnisloses Kopfschütteln. An der Straßenecke spielten Studenten in historischen Kleidern Mozart auf und trafen den Ritterorden eine Begegnung verschiedener Welten.

Aber das Bild passte und eine erhebende Feier folgte, bei der neben Ortsbischof Fürst auch der Augsburger Weihbischof DDr. Anton Losinger in die Ordensgemeinschaft aufgenommen wurden. Beethovens Messe in C-Dur unter Leitung von Dommusikdirektor Martin Dücker ließ die Investitur zu einem kirchenmusikalischen Hochgenuss werden. Auch mahnende Worte prägten die Feiern in Stuttgart. Großprior Bischof Dr. Anton Schlembach zeigte in seiner Predigt eine nüchterne Lage der Kirche in Deutschland auf: Während in ihr „vieles nicht zu- sondern abnimmt, ist das Wachstum unseres Ordens ein eindrucksvolles Zeichen von kirchlicher Lebendigkeit und Ausstrahlung.“
Die Tage in Stuttgart hatten Ausstrahlung, was nicht zuletzt den beiden gastgebenden Komturen, Cfr. Prof. Dr. Peter Schmidt (Stuttgart), und Cfr. Wolfgang Döhling (Walldürn), sowie ihrem Team zu verdanken ist. Zum zweiten Mal war nun in Stuttgart die Investitur ausgerichtet worden, wobei es aus der Region schon sehr früh einen Ritter vom Heiligen Grab gegeben hat: Der spätere Herzog „Graf Eberhard im Bart“, Begründer der Universität Tübingen, erhielt den Ritterschlag im Jahre 1482. Daran erinnerte auch Baden-Württembergs Ministerpräsident Erwin Teufel in seinem schriftlichen Grußwort. Vor allem würdigte er die Arbeit der Gemeinschaft: „Der Ritterorden legt mit seinem Engagement ein beeindruckendes Zeugnis eines modernen und aktiv gelebten Christentums ab. Die Damen und Ritter des Ordens verrichten ihr Werk dabei zurückhaltend und ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Sie wirken in großer Bescheidenheit und aus tiefer christlicher Überzeugung.“ Die Ordensmitglieder haben diese Worte gefreut. Das gute und offene Verhältnis zur Politik zeigte sich in einem eigenen Empfang der Landesregierung für die gesamte Gemeinschaft im Neuen Schloss, bei dem Sozialminister Dr. Friedhelm Repnik den Ministerpräsidenten vertrat.
Investituren - wie die in Köln und Stuttgart in diesem Jahr - sind beeindruckende geistliche Ereignisse, die zu Recht von der Freude der gemeinsamen Feier aber auch vom gemeinschaftlichen Gedenken geprägt sind. Zwar wiederholt es sich auf jeder Investitur aber um so notwendiger ist es: Die Erinnerung an die Schwestern und Brüder im Heiligen Land, die unserer Solidarität bedürfen. Aber auch die Erinnerung und das Gebet für die verstorbenen Ordensmitglieder und jene, die wegen Krankheit oder Alter nicht nach Stuttgart reisen konnten. Diesen Aspekt betonte Statthalter Cfr. Oldenkott: „So wird deutlich, dass wir uns nicht sporadisch zu großen Momenten treffen, sondern dass wir alle auf irgendeine Weise unter- und miteinander verbunden sind.“

Cfr. Matthias Kopp

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