Predigt des Großpriors S.E. Bischof Anton Schlembach beim Investiturgottesdienst am 4. Oktober 2003 in der Kon-Kathedrale St. Eberhard, Stuttgart

Die kirchliche Wirklichkeit bei uns ist besser als die innerkirchliche Stimmung und besser als die innerkirchliche Selbsteinschätzung. Selbst seriöse Meinungsumfragen ergeben: Das Zutrauen der Katholiken zu ihrer Kirche hat dramatisch abgenommen. Zugenommen hat dagegen der Anteil derjenigen, die der Kirche weitgehend misstrauisch gegenüberstehen. Angesichts der real existierenden Kirche ist dieser Befund bei all ihren Schwächen und Sünden nicht leicht verständlich. Denken wir nur daran, dass die Kirche seit über zwanzig Jahren jährlich um zehn Millionen wächst und heute rund 1,1 Milliarde Mitglieder zählt. Der Bedeutungsverlust der Kirche bei uns in der allgemeinen Öffentlichkeit und auch bei den Katholiken hat sicher viele Gründe.

Ein wesentlicher Grund scheint mir darin zu liegen, dass man zu wenig das eigentliche Wesen der Kirche thematisiert und zur Sprache bringt. Dieses eigentliche Wesen, das spezifische Proprium der Kirche, marktwirtschaftlich gesprochen, ihre “Marke”, müsste beim Wort Kirche sofort im Bewusstsein aufleuchten. Beim Wort Tschibo denken alle unwillkürlich an Kaffee, auch wenn es dort alles Mögliche, sogar Bibeln, zu kaufen gibt. Tschibo steht für Kaffee. Mercedes steht für Auto. Lufthansa für fliegen. Für was aber steht Kirche? Beim Wort Kirche denkt man bis tief in die Kerngemeinden hinein als Erstes an den Papst, an Zölibat, an das Abtreibungsverbot, an die Nicht-Zulassung der Frau zum Priesteramt, an Kirchensteuer, an Ministrantinnen und vieles Andere. Zugleich weiß man irgendwie doch: Dies alles hat zwar mit Kirche zu tun, aber das Ureigentliche von Kirche macht dies alles einzeln für sich und zusammen genommen nicht aus.

“Was ist also die “Marke” der Kirche? Die Antwort kann nur lauten: Jesus Christus. Allerdings nicht ein reduzierter, verkürzter, halbierter Jesus Christus, sondern der ganze. Also: der irdische und der erhöhte Jesus; Jesus, der unzertrennlich zusammen zu sehen ist mit Gott, seinem Vater, mit Maria, seiner Mutter, mit der Kirche, die sein Leib, mit der Schöpfung, besonders mit der Menschheit, deren Haupt er ist.

Kirche steht für Jesus Christus. Jesus Christus aber steht für Erlösung. Die frühen Christen hatten einen Geheimcode. Ichthys das griechische Wort für Fisch. Die fünf Buchstaben dieses Wortes waren die Anfangsbuchstaben der fünf Worte: Jesus Christus Sohn Gottes Erlöser. Jesus Christus ist der Erlöser und steht für die Erlösung. Wer sich gläubig auf Jesus Christus einlässt, macht seit 2000 Jahren die Erfahrung: Er erlöst von und er erlöst zu:
Er erlöst
• von Orientierungslosigkeit und Sinnlosigkeit,
• von Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung,
• von Sünde und Hölle.
Er erlöst
• zu Glaube und Vertrauen,
• zu Hoffnung und Zuversicht,
• zur Gottes und Nächstenliebe,
• zum Einsatz für Friede und Gerechtigkeit,
• zu einer Kultur der weltweiten Solidarität,
• zu einem erfüllten irdischen und
• zu einem seligen ewigen Leben.

Wenn Jesus die “Marke” der Kirche ist, dann ist Erlösung so zu sagen das Produkt der Kirche. Sie verkündet, sie feiert, sie macht möglichst vielen, möglichst allen Jesus Christus erfahrbar: Jesus Christus, der auch heute jedem Menschen sagt: Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben. Ich bin das Licht der Welt, das Brot des Lebens, der Weg, die Wahrheit, die Auferstehung: Das aber sind die tiefsten Sehnsüchte des Menschen. Jesus, der Erlöser, ist ohne Alternative. Er hält jeder Marktkonkurrenz der Sinn und Erlösungsanbieter und der Sinn und Erlösungsangebote stand.

Wenn einer das der Kirche und der Welt von heute, gerade auch den Jugendlichen überzeugend, ja begeisternd bezeugt, dann ist dies Johannes Paul II., der Träger des Petrusamtes seit 25 Jahren und jetzt bis zur totalen Erschöpfung. In allen Variationen, über apostolische Reisen, Massengottesdienste, wissenschaftliche Symposien, über Selig und Heiligsprechungen bis hin zu diplomatischen Gesprächen und Verhandlungen macht er unübersehbar und unüber hörbar deutlich: Die Kirche ist ein einziger Verweis auf Jesus Christus. Er ist die Antwort auf die Fragen und die Anweisung für die Herausforderungen auch im dritten christlichen Jahrtausend.

Weil Kirche für Jesus und seine Erlösung steht, deshalb stehen wir zur Kirche, deshalb stehen wir aufrecht in der Kirche, deshalb sind wir froh und dankbar für unsere Zugehörigkeit zur Kirche, deshalb sorgen wir uns um eine lebendige Kirche in unseren Pfarreien, in unseren Bistümern und im Heiligen Land. Deshalb sind wir überzeugte und bekennende Mitglieder des Päpstlichen Ordens der Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem. Jede Investiturfeier will unsere ganz persönliche Glaubensbeziehung zu Jesus Christus, dem Erlöser, stärken und damit auch unsere Liebe zur Kirche. Diese wird sich dann auch im Alltag bewähren. So leisten wir unseren Beitrag, dass die Kirche bei uns wieder das Ansehen erhält, das ihr gebührt. Amen.

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