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Investituren
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Predigt von Bischof Dr.Gebhard Fürst bei der Investitur in Stuttgart am 5. Oktober 2003![]() Aber das ist nur die eine uns bekannte Seite des Evangeliums von heute. Weniger bekannt ist uns seine Fortsetzung. Jesus gibt seinem Gleichnis eine entscheidende Wendung. Jesus konfrontiert den Gastgeber der Menschen im Evangelium mit einer anderen Art von Einladung, die überrascht und aufhorchen lässt. Jesus malt gleichnishaft eine ganz andere Einladung aus, sozusagen die Einladung zur Tafelrunde Gottes. ‚Wenn du ein Essen gibst, dann lade Arme, Krüppel, Lahme und Blinde ein.‘ Eine Einladung also an die Menschen, die nichts zu bringen, nichts zu bieten haben, die keine eigene Ehre vorzuweisen haben, die kein anderes Recht zum Kommen und zum Dabeisein besitzen als die Güte und die Freundlichkeit dessen, der sie eingeladen hat. Die Würde dieser Menschen besteht nicht in diesem oder jenem, sondern Menschen sind eingeladen, weil sie Menschen sind. Mit ihnen zu teilen, ist Jesu Aufforderung an uns. Gottes Einladung gilt allen Menschen. Sie gilt gerade denen, die nicht im Blick sind. Liebe Schwestern und Brüder, die Tafelrunde, zu der im Evangelium eingeladen wird, ist ein Gleichnis für die Art und Weise, wie wir uns verhalten im Umgang mit den Menschen. Denken wir nur an uns und unseren Namen? Oder nehmen wir die in Blick, die sonst niemand sieht? Jesus kann sein Gleichnis deshalb so glaubwürdig erzählen, weil er selbst seinen Blick und sein heilsames Handeln gerade auf diese meist übersehenen Menschen in Not lenkt. Bei Jesus stimmen Worte und Taten überein, das Gleichnis von der ganz anderen Tafelrunde Gottes und seine spürbar guten Taten für die Menschen am Rand der Gesellschaft oder in ihren existentiellen Nöten. Wenn Jesus aber diese Einladung dem Gastgeber als Gleichnis vor Augen hält, sagt das uns heute: Eben so soll es bei euch sein, lenkt die Aufmerksamkeit auf die, die bisher nicht im Blick sind und deren Gesellschaft wir scheuen. Im Blick auf uns: Christliche Gemeinde, nimm Maß an der Praxis der großen Einladung Gottes, orientiere dich an der Tafelrunde Gottes, wo eben Platz ist für die, die in der Welt zu kurz kommen, die benachteiligt und übersehen werden. Was für eine Herausforderung für unsere Praxis, für unser Handeln in der Welt, in der Kirche, in den Gemeinden! Wer diese Art von Einladung umsetzt, der lässt sich von niemandem darin übertreffen, groß von einem jeden Menschen zu denken. Denn vor seinen Taten oder Untaten, vor seinen Leistungen und Fehlleistungen, seinen Stärken und Schwächen, ist jeder Mensch von Gott erwünscht und eingeladen. Jeder Mensch ist Mensch, nicht der eine mehr, der andere weniger, nicht der eine wertvoll, der andere wertlos und ein dritter gar unwert. Jeder Mensch hat nicht nur seinen Wert, sondern vielmehr zuerst eine Würde. Und diese Menschenwürde ist unantastbar, weil Gott ihr Urheber und ihr Garant ist. Würden doch die verfeindeten Parteien im Heiligen Land etwas von dieser neuen Sicht des Menschen praktizieren. Hass, Gewalt, Mord und Totschlag würden sich überwinden lassen. In der Spur von Jesus Christus müssen wir sagen: Wo immer Menschenwürde verletzt wird, wird Gott selbst getroffen. Und wer andererseits für die Würde eines jeden Menschen eintritt, der verwirklicht die Botschaft Jesu ganz konkret an seinem Ort. Viele von ihnen, liebe Schwestern und Brüder, schützen die Würde von Menschen oder können sie ihnen zu einem Teil wieder zurückgeben durch große oder kleine Gesten und Taten von Begegnung, von Trost, von Solidarität oder ganz konkreter Hilfe für den Alltag. Nirgends sonst wird die Würde von Menschen so schutzbedürftig wie dort, wo Menschen ausgestoßen, an den Rand gedrängt werden. Christliches Handeln drängt Menschen nicht an den Rand, sondern holt in die Mitte. Ein Dichter unserer Zeit benennt diese heilsame Alternative, wenn er schreibt: ‚Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen vorziehen, weil es in einer christlichen Welt Raum gibt für die, denen keine heidnische Welt je Raum gab: für Krüppel und Kranke, Alte und Schwache; und mehr noch als Raum gibt es für sie: Es gibt Liebe für die, die der heidnischen wie der gottlosen Welt nutzlos erschienen und erscheinen.‘ Gibt es diesen Raum? Sind wir als christliche Gemeinde, als christliche Frauen und Männer in der Welt daran zu erkennen, dass wir in der Nachfolge Jesu die große Einladung Gottes umsetzen und konkret verwirklichen? Der Heilige Martin, der Patron unserer Diözese, verwirklichte das, was das Evangelium von heute uns sagen will. Er macht die Erfahrung des Evangeliums und nimmt die Herausforderung an. Seine Mantel-Teilung ist beispielhaft für sein ganzes Leben, für ein neues Leben aus dem Geist Jesu Christi. Er lebte vorbildhaft und glaubwürdig das neue Leben vor, das an der großen Einladung Gottes sein Maß nimmt. Es ist ein Leben, das um Not und Elend keinen Bogen macht, sondern solidarisch und mitleidend Anteil nimmt. Es ist ein neues Leben, das auch Krankheit oder Behinderung, Leiden, Sterben und Tod nicht ausblenden will, sondern es annimmt, weil es zum Leben dazugehört. Es ist das neue Leben, das helfend handelt, wo es geht. Liebe Schwestern und Brüder: Christen können nicht mit dem Rücken zur Not fromm sein. Und die Not der Menschen hat viele Gesichter: sie ist nah und fern, sie ist seelisch und materiell, sie ist geistlich und leiblich. Aber aus dem Leben des Heiligen Martin lässt sich auch lernen, dass die Zuwendung zur Not des Menschen in Nah oder Fern uns zugleich die größte Begegnung schenkt, der wir fähig sind: Im Traum während der Nacht nach der Mantelteilung erscheint Martin Christus selbst als eben der Bettler. Begegnung mit dem Armen schenkt Begegnung mit Christus selbst. Liebe Schwestern und Brüder, wo wir den Menschen – besonders in ihrer Not - nahe sind, da sind wir Gott ganz nahe. Anders gesagt: Weil Gott uns längst nahe gekommen ist in Jesus, können wir auch den anderen Menschen, zumal denen in Not, heilsam nahe sein. Amen. |
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