Predigt des Erzbischofs von Paderborn Hans-Josef Becker bei der Investitur in Paderborn am 22. Mai 2005

Von Gottes Gnade, Liebe und Gemeinschaft
(zu 2 Kor 13,11-13)

Liebe Schwestern und Brüder! Im Jahr 1979 gab der Schriftsteller Graham Greene einer Journalistin ein ausführliches Interview. Der katholische Konvertit wurde dabei auch eingehend nach seiner religiösen Überzeugung befragt. Im Blick auf das Glaubensgeheimnis der Heiligsten Dreifaltigkeit meinte Green wörtlich: „Würde man mir erklären, dass die Dreifaltigkeit kein Dogma mehr ist, so könnte das meinem Glauben kaum etwas anhaben... Die Existenz der Dreifaltigkeit hat für mich keine Bedeutung; sie stellt nur einen Versuch dar, das Unerklärliche zu erklären.“ „Die Existenz der Dreifaltigkeit hat für mich keine Bedeutung“.- Ist das nicht auch ehrliche und nüchterne Umschreibung unserer Glaubenspraxis? Wo spielt der Glaube an den dreifaltigen Gott – Vater, Sohn und Heiliger Geist – eine ausdrückliche Rolle in unserem Glauben? Und finden die angeblich leichteren, in Wahrheit aber verarmten Gottesbilder nicht auch heute ihre Verteidiger? Dreifaltigkeit – das ist vielen zu kompliziert und abwegig! Und wo ist da ein Bezug zum alltäglichen Leben ersichtlich? Wo könnte der Glaube an den dreifaltigen Gott eine wirkliche Hilfe im Alltag sein? So und ähnlich lauten die Anfragen… Das Verdikt der Belanglosigkeit, das Graham Green über den Glauben an den dreifaltigen Gott ausgesprochen hat, hätte schwerwiegende Folgen: Wozu dann noch Kreuzzeichen, Credo, Taufe, das Fest der Heiligsten Dreifaltigkeit? Wozu der eben gehörte Segenswunsch des Apostels Paulus im zweiten Brief an die Gemeinde in Korinth: „Die Gnade Jesu Christi, des Herrn, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen“ (2 Kor 13,13)? Dieser Zuspruch des Apostels Paulus ist kein so genannter „frommer Wunsch“, keine Floskel, keine Phrase, sondern ein Segenswunsch. Heute, am Dreifaltigkeitssonntag, ist er uns in besonderer Weise zugesprochen. Und es lohnt der Versuch, die Tiefe seiner Aussage auszuloten. Denn dieser Segenswunsch ist in mehrfacher Hinsicht beachtenswert. Zunächst in seiner Anordnung: Jesus Christus wird als erster genannt. Dann in seinem Inhalt: Gnade, Liebe und Gemeinschaft werden angesprochen. Und schließlich: Diese Gaben des Sohnes, des Vaters und des Heiligen Geistes sind austauschbar. Der Kirchenvater Johannes Chrysostomus sagt hierzu mit Recht: „Wo die Gemeinschaft des Geistes ist, da wird sie auch empfunden als die des Sohnes; und wo die Gnade des Sohnes ist, da ist auch die des Vaters und des Heiligen Geistes“. Ist die Dreifaltigkeit also belanglos und langweilig? Ganz im Gegenteil: Sie ist anspruchsvoll, spannend und lebenswichtig! Wir müssen als Christen nur eines tun: die Gnade Jesu Christi, die Liebe Gottes des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes überhaupt erst in den Blick nehmen und dann auch von ihr erzählen. Geber und Gabe kennen lernen, Erfahrungen von Gnade, Liebe und Gemeinschaft aufspüren – in der Geschichte des Glaubens und der Kirche ebenso wie in unserem persönlichen Leben! I. „Die Gnade Jesu Christi, des Herrn!“ Klingt das nicht feierlich und fremd zugleich? Die „Gnade“ wird zwar in manchen Redewendungen noch gebraucht (etwa: um Gnade bitten; Gnade vor Recht ergehen lassen), sie ist aber im Alltagsgebrauch von ihrem religiösen Ursprung oft weit entfernt. Die Gnade Jesu Christi ist jedoch keine Theorie. Besonders die Evangelien sind randvoll von „Gnadengeschichten“ – festgehalten an ganz konkreten Personen, denen Jesus seine bedingungslose und rettende Zuwendung geschenkt hat: dem blinden Bartimäus, dem Mann mit der verdorrten Hand, der blutflüssigen Frau, dem Zöllner Zachäus, der stadtbekannten Sünderin, dem reumütigen Verbrecher am Kreuz.... . Aber von der Gnade Jesu Christi kann der Apostel Paulus wie kein anderer aus eigener Erfahrung sprechen. Vor allem in seinen schwersten Stunden wurde sie ihm geschenkt: in seiner leiblichen und seelischen Schwäche und Ohnmacht, in seinen Misshandlungen und Nöten, Verfolgungen und Ängsten, Enttäuschungen und Rückschlägen. Der auferstandene Herr selber lässt seinen Apostel auf vielfache Weise Gnade erfahren: durch seine Nähe, durch sein Wort, durch seine Kraft – alles zusammengefasst in dem bewegenden Wort des Herrn: „Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit“ (2 Kor 12,9). Die Gnade Christi vollbringt offensichtlich das Wunder, dass ein Mensch auf alle irdischen Stützen und Versicherungen zu verzichten lernt und seine Kraft und Stärke allein von Jesus Christus erwartet. „Meine Gnade genügt dir“ – das Apostelwort ist eine Zumutung für die Ohren einer Leistungs- und Prestigegesellschaft! Es ist eine Provokation für eine Welt, in der der Schein dem Sein den Rang abgelaufen hat! Und der Apostel Paulus antwortet auf seine Weise auf das Geschenk der göttlichen Zusendung, wenn er gegenüber den Korinthern bekennt: „Viel lieber also will ich mich meiner Schwäche rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt….Denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“ (2 Kor 12,10). Hier wird deutlich, was die Gnade Jesu Christi im Leben eines Menschen vermag: wie sie inmitten der Begrenztheit und Einschränkung Kraft schenkt für „Zeichen, Wunder und machtvolle Taten“, wie Paulus bekennt (2 Kor 12,12). II. Und ein Zweites, liebe Schwestern und Brüder! „Die Götter haben keine Empfindungen“ – so lautet ein bitteres Wort des italienischen Schriftstellers Cesare Pavese. Paulus hingegen lässt im zweiten Teil des Segenswunsches alles von Gott, dem Vater, weg, was an Gefühlskälte und Distanz erinnern könnte: Macht, Ewigkeit, Weisheit, Verborgenheit. Er schaut allein auf das Geheimnis der Liebe Gottes. Gott hat sie uns erwiesen, als wir noch Sünder waren, also bevor wir ihn geliebt haben. Er macht den ersten Schritt. Diese Liebe erweist der Vater vor allem in der Hingabe seines Sohnes, die bis zum Äußersten geht und auch vor dem Verbrechertod am Kreuz nicht zurückschreckt. Den heilige Johannes Chrysostomus bewegt diese Bewegung der selbstlosen Hingabe des Vaters so, dass er schreibt: „Vorerst hat Gott Hassende geliebt und Feinde zu Gnaden angenommen; von jetzt an will er Liebende lieben“. Für den Apostel Paulus war das Wort „Liebe Gottes“ mit einer regelrecht umstürzenden Erfahrung gefüllt, sein Damaskuserlebnis ist ohne die zuvorkommende Liebe Gottes nicht zu verstehen - bei uns hingegen ist es vielfach zu einer bloßen Floskel und damit zu einem leeren Wort abgesunken. Wenn ein Religionsbuch der Grundschule den Titel „Gott liebt uns“ führt, will eine solche Überschrift im Leben der Kinder zur Erfahrung werden. Sind wir, liebe Schwestern und Brüder, genug bemüht, die Kinder oder auch die Enkelkinder wenigstens einen Funken der väterlichen Liebe Gottes spüren zu lassen? Sind wir im Alltag Zeugen der Liebe Gottes, die ausstrahlen will in unsere täglichen Lebensbezüge? Und: wo setzen wir an, um diese Liebe Gottes in unserem Leben zu konkretisieren, ja durchzubuchstabieren? III. Liebe Schwestern und Brüder! Wie noch nie in der Geschichte sind uns heute technische Kommunikationsmittel in einer mitunter atemberaubenden Perfektion in die Hand gegeben. Trainings in verfeinerten bis raffinierten Kommunikationstechniken werden uns angeboten. Menschen leben in unseren Großstädten auf engstem Raum Tür an Tür. Die Möglichkeiten zur Begegnung sind oder – besser gesagt – wären denkbar vielfältig. Trotz allem bleibt das Miteinander oft äußerlich und geht nicht zu Herzen, der Zusammenhalt in Partnerschaften und Ehen ist brüchig und kurzlebig. Der Mensch in der nächsten Umgebung bleibt uns oft fremd und unbekannt. Der Dreifaltigkeitssonntag geht auch dieser Not auf den Grund. Wir kennen angesichts der grassierenden Vereinzelung die Urkraft echter Gemeinschaft nicht mehr und haben keine Tuchfühlung mit ihr, das heißt mit dem Heiligen Geist. Der Apostel wünscht, dass wir die „Gemeinschaft des Heiligen Geistes“ erfahren, in ihr leben und ihr gemäß handeln. Wer sich in das Kraftfeld des Heiligen Geistes hineinziehen und sich von ihm leiten lässt, der hat Anteil an seiner Schöpferkraft und an seinem Leben spendenden und erneuernden Hauch. Wer sich ihm öffnet, der erfährt etwas von seiner Dynamik und Freiheit und schließlich vom Reichtum seines Segens. Solche geistgewirkte Gemeinschaft kann und muß inmitten unserer Kirche gefördert werden: - Ich denke an die Familien, Gruppen und Gemeinden, die sich als Zentren der Gemeinschaft und der Mitverantwortung entdecken und zurüsten. - Ich denke an die Getauften und Gefirmten, die ihre Berufung als Träger der Gemeinschaft wahrnehmen und in das größere Ganze der Kirche einbringen. - Ich denke an die große Chance des Dialogs unter uns Christen als Stil der Gemeinschaft und Mitbeteiligung im lebendigen Alltag der Kirche. Gemeinsam können wir so den Reichtum der Charismen und Glaubenserfahrungen unter uns Christen erfahren und neu beleben! „Die Dreifaltigkeit ist die bestmögliche Gemeinschaft.“ Diesen eingängigen Satz sollten wir im Blick behalten, wenn wir Christen nach einem Lebensstil suchen, der sich vom Wirken des dreifaltigen Gottes inspirieren lässt. Eine solche Lebensform lässt sich vom Geist des Evangeliums prägen, die das Wirken des dreifaltigen Gottes bezeugt: - Wer sich diesem Gott öffnet, in dessen Leben ist etwas zu spüren von der erlösenden Zuwendung, von der bedingungslosen Liebe und von der tragfähigen Gemeinschaft, die die Nähe des dreifaltigen Gottes vermittelt. Ein beliebiges, jederzeit austauschbares Gottesbild kann einen solchen Halt nicht vermitteln! - Wer sich diesem Gott öffnet, der kann aus der Beziehung zu ihm Kraft und Phantasie schöpfen, weil das Antlitz des dreifaltigen Gottes frei ist von allem Schatten, von allem Zwiespalt und aller Doppelgesichtigkeit. Denn Gnade, Liebe und Gemeinschaft lassen auf Gott als den Geber aller guten Gaben zurückschließen. - Wer sich diesem Gott öffnet, wird in die größere Gemeinschaft der Glaubenden, in die Kirche gerufen. Jede Ortskirche, jede Gemeinde und jede Gemeinschaft in der weltweiten Communio der Kirche ist berufen, Ort der Erfahrung und „Umschlagplatz“ für diese Gaben des dreifaltigen Gottes zu sein. Liebe Schwestern und Brüder! Am heutigen Festtag der heiligsten Dreifaltigkeit ahnen wir zumindest, was es heißt, wenn Gott, der in sich dreieinige Gemeinschaft ist, uns seine Gnade, seine Liebe und seine Gemeinschaft schenkt. Über das Geheimnis der Dreifaltigkeit können wir uns den Kopf zerbrechen, ohne je zu einer angemessenen und befriedigenden Antwort zu gelangen. Was uns möglich ist, ist aus dem Geheimnis der Gegenwart des dreifaltigen Gottes zu leben: Denn er schenkt uns täglich neu seine zuvorkommende Gnade, seine bedingungslose Liebe und seine stärkende Gemeinschaft. Aus Freude darüber dürfen wir am heutigen Festtag in den Ruf des Hl. Augustinus einstimmen: „Unsagbar ist Gott. Wenn du ihn aber nicht ausdrücken kannst und doch nicht schweigen darfst, was bleibt dir anderes übrig als zu jubeln, damit sich dein Herz wortlos freut und die unermessliche Weite der Freude keine Grenze findet in deinen Silben“. Amen!

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