Investitur in Paderborn vom 20.-22. Mai 2005

Es waren zwei Broschüren, die sich in den Teilnehmermappen der diesjährigen Frühjahrsinvestitur befanden und die im Begrüßungsbrief als „aussagefähige Prospekte“ tituliert wurden: Das Erzbistums Paderborn hieß Ordensmitglieder und Gäste mit der Schrift „Für die Menschen bestellt“ willkommen, die Stadt Paderborn empfing mit „Paderborn überzeugt“. Beide hatten recht, denn während der Investiturtage in der Bischofsstadt konnte ein Erzbistum erlebt werden, das sich den Menschen zuwendet und sie in gastlicher Atmosphäre beherbergt. Paderborn hat überzeugt, nach 1999 konnte der Ltd. Komtur der Komturei St. Meinwerk, Cfr. Wilhelm Vockel zum zweiten Mal in seiner Amtszeit über 750 Gäste aus Deutschland und den benachbarten europäischen Statthaltereien begrüßen. Für ihn und den Investiturbeauftragten Cfr. Prof. Dr. Heinrich Kürpick mit ihren Familien war das kein leichtes Unterfangen. Aber Paderborn überzeugt eben, und wenn ein Ordensmitglied Bürgermeister der Stadt ist, wird – Gott sei Dank – vieles leichter. Das Überzeugende wurde vor allem im kulturellen Rahmenprogramm deutlich: Ob es die klassische Stadtführung war, die Führung durch die „Thronenden Madonnen“ im Diözesanmuseum oder der viel beachtete Vortrag des Freiburger Moraltheologen Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff zum Thema „Individuelle Freiheit und christliche Ethik“.

Zeit für Gott

Und auch die Consorores und Confratres waren von Paderborn überzeugt. Die fußläufige Stadt mit ihren großartigen Gottesdienstorten und der Paderhalle für Begrüßungs- und Festabend bot ausreichend Platz. Die westfälische Sonne strahlte weitgehend auf die weißen und schwarzen Mäntel nieder. Schon bei der Vigil am Freitag wurde deutlich, worum es bei der Investitur eigentlich geht: Zeit für Gott zu haben. „Betend warten, hörend sich vergewissern – wer hat dafür noch Zeit? Viel Aktivismus treffen wir – auch mitten in der Kirche. Workoholiker, Arbeitssüchtige finden wir längst nicht nur außerhalb der christlichen Gemeinden, unserer Gemeinschaften und Klöster. Steuern wir bewusst gegen jede Einseitigkeit. Gönnen wir uns den Luxus des zweckfreien Tuns. Nur wer ausatmet, kann wieder einatmen“, sagte Msgr. Konrad Schmidt in seiner Meditation in der Markt- und Universitätskirche St. Franziskus Xaverius. Sie schlug die Besucher mit ihrem erst im vergangenen Jahr fertig restaurierten und wieder aufgebauten Hochaltar von 1696 in den Bann. Das gelang übrigens allen Kirchen, die an diesem Wochenende auf dem Investiturprogramm standen. Die nüchterne Kapuzinerkirche im Liborianum war Ort der tiefgehenden und geistreichen Meditation für die 36 neu zu investierenden Kandidatinnen und Kandidaten.

Vor allem war es natürlich der Paderborner Dom, in dem Liturgie und Gesang, Baukunst und innere Stimmung ein eindrucksvolles Ensemble bildeten. Während am Investiturtag Haydns Paukenmesse in C-Dur erklang, war es am Sonntag Mozarts Missa brevis in D-Dur.

Großprior Bischof Dr. Anton Schlembach ermahnte die neuen Ordensdamen und Ritter, ihr Engagement in der Welt von heute nicht zu vergessen. Papst Benedikt XVI. habe dazu in seiner ersten Predigt viele ermutigende Zeichen gesetzt: „Die Kirche lebt, weil Christus lebt und auferstanden ist. Die Kirche ist jung, weil Christus, der ewig Junge, in ihr lebt. Die Kirche hat Zukunft und garantiert Zukunft, weil die Auferstehung Jesu ihre und der Welt Zukunft ist“, so Bischof Schlembach. Den Ritterschlag vollzog er an den neuen Damen und Herren, gleich zwei Erzbischöfen legte er das Ordenskreuz um: Paderborns Erzbischof Hans-Josef Becker wurde ebenso in den Orden aufgenommen wie Freiburgs Erzbischof Dr. Robert Zollitsch.

Was Bischof Schlembach in seiner Predigt als erste Erinnerung an die Amtseinführung Papst Benedikt XVI. betonte, zog sich wie ein roter Faden durch die Investiturtage, die geprägt waren von der Erinnerung an Papst Johannes Paul II. und die Freude über das neue Kirchenoberhaupt, dem sich der Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem als „päpstlicher Orden“ besonders verpflichtet fühlt.
Das betonte Statthalter Prof. Dr. Paul Oldenkott vor allem auf der Kapitelsitzung und am Festabend: Wenn der erste Gruß bisher über viele Jahre an Papst Johannes Paul II. gegangen sei, gehe der jetzige erste Gruß natürlich wieder nach Rom: „In der Freude über die Wahl des neuen Papstes entbiete ich meinen herzlichsten und ersten Gruß dem neuen Oberhaupt der katholischen Kirche, Papst Benedikt XVI. Ihm gilt unsere Ehrerbietung und unser Einsatz für ihn und mit ihm im Heiligen Land. Der Heilige Vater kennt den Nahen Osten gut, verschiedene Reisen führten ihn vor allem nach Jerusalem.“ Das schwere Leiden Johannes Paul II. könne keinen gleichgültig machen: „Deshalb gilt unser besonderes Gedenken den kranken und alten Ordensmitgliedern, die heute nicht unter uns sein können. Sie gehören zu unserer Gemeinschaft und sind nicht vergessen“, so Statthalter Oldenkott. Bemerkenswert für hohes Alter war übrigens die ungebrochene Präsenz von Csr. Hildegard Schlüter, die mit rüstigen 97 Jahren auch in Paderborn erneut bei bester Laune die Investitur genoss.

Niemand darf allein sein

Während der Investitur war – neben dem Gedenken an zwei Päpste – natürlich das Heilige Land präsent. Cfr. Erzbischof Hans-Josef Becker betonte in seiner Festpredigt am Sonntag neben dem Heiligen Land das Geheimnis der Dreifaltigkeit: „Ist die Dreifaltigkeit also belanglos und langweilig? Ganz im Gegenteil: Sie ist anspruchsvoll, spannend und lebenswichtig! Wir müssen als Christen nur eines tun: die Gnade Jesu Christi, die Liebe Gottes des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes überhaupt erst in den Blick nehmen und dann auch von ihr erzählen.“ Auch Statthalter Oldenkott erinnerte daran, dass sich in der Ordensgemeinschaft und im Heiligen Land niemand allein gelassen fühlen dürfe: „’Wer glaubt, ist nicht allein!’ Im Einsatz unserer Ordensgemeinschaft für den Frieden und die Menschen im Heiligen Land können wir von der Erfahrung etwas weitergeben, an die Menschen dort, besonders an unsere christlichen Schwestern und Brüder: sie sind nicht allein! Das Unheil, dem sie tagtäglich begegnen, ist für sie eine Herausforderung des Glaubens, vielleicht sogar manchmal dessen Zerstörung. Wie gut ist es, wenn die Menschen dort durch unser Wirken erfahren, dass im übertragenen Sinn auch gilt: Wer glaubt, ist nie allein – nicht im Heiligen Land und auch nicht, wo Not herrscht.“ Persönlich war das Heilige Land durch Bruder Vincent Malham präsent. Er verabschiedete sich in Paderborn als langjähriger Rektor der Katholischen Universität Betlehem. Seinen Dank fasste er in einem Film zusammen, der das großartige und vielfältige Engagement der Universität – selbst in Krisenzeiten – zeigt und in gewisser Hinsicht auch eine Hommage an die ununterbrochene Unterstützung des Ritterordens, so auch der Deutschen Statthalterei, ist. Nachdenklichkeit und ein wenig Abschiedsschmerz mischten sich in die Aula der Kapitelsitzung, als Cfr. Bruder Vinzent mit einem klassischen Klavierstück am Flügel die Zusammenkunft beendete. Er ist nun auf dem Weg nach Amerika, um dort neue Aufgaben für seinen Orden zu übernehmen.

Der Ritterorden vom Heiligen Grab steht auch vor neuen Herausforderungen. Dafür fand Statthalter Oldenkott klare Worte während der Kapitelsitzung. Die Consulta in Rom im Jahre 2003 habe diese neuen Akzentuierungen gefordert, denen es jetzt auch in Deutschland zu begegnen gelte: „Die Ordensleitung der Deutschen Statthalterei ist sich bewusst, dass wir als Mitglieder des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem einem hierarchisch strukturierten Päpstlichen Orden angehören, in dem die Gehorsamspflicht gilt. Wir wissen aber auch um unsere Verpflichtung gegenüber den Mitgliedern in Deutschland, gerade im Hinblick auf die von uns allen vorbehaltlos bejahten hohen Ziele dieses Ordens, und wollen den unter den besonderen nationalen Gegebenheiten in Deutschland effektivsten Weg zur Erhaltung des vorbildlichen Beitrags- und Spendenaufkommens in unserem Land weiter verfolgen.“

Noch lang wirkte die festliche Stimmung von Paderborn nach. Mit Erlebnissen und Erinnerungen, gestärkt im Glauben und der Gemeinschaft, hat der Alltag nun die Ordensmitglieder wieder. Was bleibt, ist der Untertitel jener Broschüre der Stadt Paderborn, der die gesamte Investitur mit all ihren Facetten und die Aufgaben des Ritterordens zusammenfasst: „Vielfalt, die überzeugt“, kann man da lesen.

Cfr. Matthias Kopp

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