Predigt des Großpriors S.E. Bischof Anton Schlembach beim Investiturgottesdienst in München am 16. Oktober 2004

Liebe Mitbrüder im Geistlichen Amt!
Verehrte, liebe Investiturkandidatinnen und Investiturkandidaten!
Liebe Confratres und Consorores!
Schwestern und Brüder im Herrn!

Bei der Investitur bekommen wir ein Kreuz umgehängt. Und der Ordensmantel, mit dem wir bekleidet werden, zeigt unübersehbar das fünffache Kreuz von Jerusalem. Das Kreuz steht für Jesus Christus. Investitur und Investiturfeier sind im Kern Feier und Vertiefung unserer Christusgemeinschaft, die uns in der Taufe geschenkt wurde. Intensivierte Christwerdung. “Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus als Gewand angelegt ... Deshalb seid ihr alle einer in Christus Jesus”, heißt es im Galaterbrief (3,27).

Christen also, und erst recht die Mitglieder des Ritterordens vom Hl. Grab zu Jerusalem, sind Menschen, die in ihrer Existenz und in ihrem Lebensvollzug Jesus Christus zeigen, ihn nicht verdecken, nicht zudecken, sondern öffentlich präsentieren, präsent machen. Aber nicht irgendeinen Jesus Christus, nicht einen erfundenen, unseren Wünschen angepassten und zusammengebastelten, sondern den wahren, den wirklichen Jesus Christus. Ihm, so hörten wir in der Lesung, ist Saulus auf dem Weg nach Damaskus begegnet.

Der Jude Saulus aus Tarsus in Kleinasien, hellenistisch hoch gebildet, römischer Bürger, Meisterschüler des hochangesehenen Theologen Gamaliel in Jerusalem, hatte ein klares, wie er meinte, umfassendes Jesusbild. Jesus, der Rabbi aus Nazaret, war zu Recht wegen Gotteslästerung am Kreuz hingerichtet worden. Er gehört der Vergangenheit an. Er ist tot. Er ist gewesen und verwest. Das Kapitel Jesus von Nazaret ist abgeschlossen. Aber da gibt es in einer immer größeren Zahl Menschen, die unerschrocken verkünden: Jesus ist nicht tot. Er lebt. In der Herrlichkeit Gottes. Er war und ist Gottes Sohn. Wer an ihn glaubt, findet das Heil.

Von seinem Jesusverständnis her sind diese Jesusjünger für Saulus eine Gefahr. Sie müssen mit ihrem Jesusglauben und mit ihrer Jesusbotschaft ausgerottet werden. Er bringt sie vor den Richter. Auch in Damaskus soll es so geschehen. Da erfährt er vor der Stadt wie ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel den wahren, den wirklichen Jesus. Durch diese völlig unerwartete und überwältigende Jesuserfahrung weiß er mit unumstößlicher Gewissheit: Jesus, der am Kreuz gestorben war: Er ist nicht tot, er ist nicht fern, er ist nicht stumm. Er lebt in der Herrlichkeit Gottes; gleichzeitig sieht er mich, spricht er mich an, beruft er mich zur Taufe, zum Anschluss an die Jüngergemeinde, zum Aposteldienst, zum Leiden und zum Martyrium. Er rettet seine Jüngerschaft vor der Vernichtung, ist also aktiv in der Geschichte. Er lebt sogar in seinen Jüngern. Im Licht des Himmels fragt er: “Saul, warum verfolgst du mich?”

Durch die Taufe gehören wir diesem Jesus Christus an, sind wir ihm einverleibt, gehört er zu unserer Existenz, zu unserer Identität, zu unserer Definition. Dieser ontologische Sachver-halt wird in jeder Investitur und in jeder Investiturfeier uns neu bewusst gemacht, verstärkt und vertieft. Wenn wir um diese unsere Zugehörigkeit zu Jesus Christus wirklich wissen, dann hat das Konsequenzen. Wir werden uns ein Leben lang bemühen, in der Gleichzeitig-keit mit Jesus Christus zu leben. Er darf nicht in die Vergangenheit abgleiten. Wir müssen seine Zeitgenossen sein. Dies zeigt sich darin, dass wir die Begegnung mit ihm suchen im Gebet, in der Heiligen Schrift, besonders im Sakrament der Versöhnung und der Eucharistie, nicht zuletzt in den Not leidenden Mitmenschen. Es ist wie ein tief sitzender Stachel, wenn er sagt: “Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.” Wir denken bei diesem Wort besonders an unsere Glaubensbrüder und Glaubensschwestern im Heiligen Land.

Das Wissen um die Gleichzeitigkeit mit Jesus Christus verpflichtet uns dazu, unser Leben an der Person und am Leben Jesu zu orientieren; nicht nur mit Jesus, sondern auch wie Jesus zu leben, jesuanisch, christlich. Die Gleichzeitigkeit mit Jesus motiviert, inspiriert, aktiviert schließlich, Jesus mit allen Mitteln und Möglichkeiten zu bezeugen. Im Evangelium haben wir sein Testament vor seiner Himmelfahrt gehört. Alle Menschen in allen Völkern sollen ihre Gleichzeitigkeit mit ihm erkennen, getauft werden und sich für die Verbesserung der Welt auf das Reich Gottes hin einsetzen. Es kann uns nicht gleichgültig lassen, dass 70 % der Menschen in Ostdeutschland nicht getauft sind und dass trotz der zwei Milliarden Christen zwei Drittel der Menschheit Jesus Christus nicht kennen. Und die zahllosen aktuellen gesellschaftspolitischen Stichworte sind für uns ebenso viele Impulse und Imperative zum Einsatz für das Reich Gottes, dem Hauptanliegen Jesu, unter den gesellschaftlichen Bedin-gungen in dieser Stunde der Kirche und Menschheit: Globalisierung der Gerechtigkeit und Solidarität, Umweltschutz, menschlicher Lebensschutz von der Empfängnis bis zum natürli-chen Tod, Sonntagsschutz, rechtes Ehe- und Familienverständnis, Rechts- und Sozialstaat-lichkeit auf der Grundlage der Verantwortung vor Gott und den Menschen, allen Menschen, und vieles andere mehr. Immer werden wir das letzte Wort Jesu im Matthäusevangelium im Ohr und im Herzen haben: “Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.”
Das Jerusalemer Kreuz, das wir tragen und mit dem wir bekleidet sind, wird uns stets daran erinnern. Amen.

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