Predigt des Erzbischofs von München und Freising Kardinal Friedrich Wetter bei der Investitur in München am 17. Oktober 2004

Liebe Damen und Herren des Ritterordens vom heiligen Grab zu Jerusalem, liebe Schwestern und Brüder in Christus!

„Ich glaube an Jesus Christus ... empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben ... am dritten Tage auferstanden von den Toten.“

Mit diesen Worten des Apostolischen Glaubensbekenntnisses begann der Hl. Vater seine Predigt, die er im Heiligen Jahr 2000 bei seiner Pilgerfahrt ins Heilige Land in der Eucharistiefeier am Heiligen Grab hielt.

„Dem Weg der Heilsgeschichte folgend“, fuhr er weiter, „wie sie im Apostolischen Glaubensbekenntnis vorgezeichnet ist, hat mich meine Wallfahrt im Jubiläumsjahr ins Heilige Land geführt. Von Nazareth, wo Jesus von der Jungfrau Maria durch die Kraft des Heiligen Geistes empfangen wurde, habe ich Jerusalem erreicht. ... Hier, in der Grabeskirche, knie ich vor seiner Begräbnisstätte nieder: Seht, da ist die Stelle, wo man ihn hingelegt hat.“

Der Hl. Vater nennt das leere Grab „ein stilles Zeugnis des zentralen Ereignisses der Menschheitsgeschichte: der Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus.“ Das leere Grab legt „Zeugnis ab für den Sieg des Lebens über den Tod.“

Von dieser zentralen Botschaft unseres Glaubens ist das 26jährige Pontifikat unseres Hl. Vaters, dessen wir bei diesem Gottesdienst in Treue und Liebe gedenken, geprägt von seinem Beginn am 16. Oktober 1978 an bis zum heutigen Tag: „Christus ist auferstanden! Von den Toten auferweckt, wird er nie mehr sterben; der Tod hat keine Macht mehr über ihn“ (Röm 6,9).

Dieser Sieg des Lebens über den Tod wurde nicht mit Waffen erkämpft; es war der Sieg der gewaltlosen Liebe, der in ihrer Wehrlosigkeit entwaffnenden Liebe Gottes. Das Heilige Grab ist zusammen mit Golgota Zeuge dieser unbesiegbaren, siegreichen Liebe Gottes.

Die Frucht dieses Sieges ist der Friede, der viel tiefer reicht als wir meinen, wenn wir vom Frieden unter den Völkern sprechen oder vom Frieden zwischen Menschen und Familien. Dieser Friede ist shalom, Versöhnung mit Gott, Gemeinschaft mit Gott, Teilhabe am Leben des dreifaltigen Gottes. Diese Frucht seines Sieges brachte Jesus am Osterabend in Jerusalem den Aposteln, als er zu ihnen sprach: „Friede sei mit euch“ (Joh 20,19.21). Damit erfüllte sich zutiefst, was der Name Jerusalem besagt: Stadt des Friedens. Der Friede, den Christus gebracht hat, ist jedoch ein Friede, wie ihn die Welt nicht gibt und nicht geben kann.

Unter diesem Vorzeichen – dem Sieg des Lebens über den Tod – steht seit jenem Ostern in Jerusalem die ganze Menschheitsgeschichte, auch unsere persönliche Lebensgeschichte, auch das, was wir im Nahen Osten mit dem Heiligen Land erleben. Am Ende steht nicht der Tod, sondern das Leben, nicht das Verderben, sondern das Heil, nicht der Untergang, sondern die Auferstehung. Die Auferstehung Jesu Christi ist Beginn und Unterpfand, dass sich erfüllen wird, was der Prophet Jesaja verkündet hat: „Brecht in Jubel aus, jauchzt alle zusammen, ihr Trümmer Jerusalems! Denn der Herr tröstet sein Volk, er erlöst Jerusalem. Der Herr macht seinen heiligen Arm frei vor den Augen aller Völker. Alle Enden der Erde sehen das Heil unseres Gottes“ (Jes 52,9 f.).

In der gewaltlosen, siegreichen Liebe Gottes liegt unsere Hoffnung für den Frieden und das Heil der Welt, auch für den Frieden Jerusalems und des Heiligen Landes.

Auch unser Bemühen um den Frieden in der Welt und im eigenen Land muss von diesem Geist beseelt sein, wenn es Erfolg haben soll. Niemand in der Welt setzt sich so für den Frieden ein wie unser Hl. Vater Papst Johannes Paul II. Seine beschwörenden Rufe vor dem Irak-Krieg sind nicht vergessen.

Er ist der große Friedensrufer unserer Zeit, weil er auf den Sieg der gewaltlosen Liebe baut, die am gekreuzigten und auferstandenen Herrn Maß nimmt. Würden die Mächtigen dieser Erde in ihrer Ohnmacht doch auf ihn hören! Unsere Welt sähe anders aus.

Werfen wir einen Blick zurück in die Geschichte. Im hohen Mittelalter wollten die Kreuzfahrer mit der Gewalt des Schwertes die heiligen Stätten wieder in christliche Hand bringen. Sie hatten vergessen, was Jesus dem Petrus, der mit seinem Schwert dem Diener des Hohenpriesters das Ohr abgehauen hatte, am Ölberg sagte: „Steck dein Schwert in die Scheide; denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen" (Mt 26,52). Ihr Unternehmen endete mit einer Katastrophe.

Ganz anders Franziskus. Er erlebt vor der Nilfestung Damiette die Niederlage des Kreuzfahrerheeres; trotz der gefährlichen Lage dringt er bis zum Sultan vor und kündet ihm vom Frieden Christi. Der Sultan wird zwar nicht Christ, aber er bewundert Franziskus, diesen armen, wehrlosen Mann, der erfüllt war von der Liebe Christi. Doch in der Folgezeit trug sein Bemühen eine kostbare Frucht: Seine Söhne, die Franziskaner, wurden zu Hütern der heiligen Stätten der Christenheit im ganzen Heiligen Land und sind es durch das Auf und Ab der Jahrhunderte bis auf den heutigen Tag.

Was den Kreuzfahrern mit den Waffen nicht gelang, das gelang wehrlosen, betenden Mönchen. Mit den Franziskanern ist auch der Beginn Ihres Ordens verbunden. Im 14. Jahrhundert schlug der Guardian der Franziskaner in Jerusalem Wallfahrer beim Heiligen Grab zu Rittern. Daraus entwickelte sich im Lauf der Zeit Ihre Ordensgemeinschaft, der Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem. Sie sind dadurch dem Beispiel entwaffnender Liebe des hl. Franziskus verpflichtet.

Sie wissen sich dem Heiligen Land, den hl. Stätten und den dort lebenden Menschen verbunden, vor allem den dort in besonderer Bedrängnis lebenden Brüdern und Schwestern im Glauben.

Es liegt eine große Tragik darin, dass das Heilige Land nun schon seit Jahrhunderten immer wieder ein Kampfplatz von Völkern, Kulturen und Religionen ist. Die Nachrichten über Gewalttaten, über Gewalt und Gegengewalt, vermögen viele schon wegen ihrer Alltäglichkeit kaum noch zu erschüttern. Immer wieder müssen wir uns daher am Schicksal von einzelnen das Entsetzen, die Angst, das Leid und den Tod vor Augen führen und unser Herz treffen lassen. Da fragen wir dann nicht mehr, welchem Volk, welcher Religion der einzelne angehört. In jedem Opfer leidet und blutet Jesus Christus.

An ihn richten wir unsere demütige Bitte um Frieden für die geschundenen Menschen, für das geschundene Land. Sie belassen es nicht nur beim Mitleiden und Bedauern. Sie lassen sich rühren zur helfenden Tat: zu heilen, was verwundet ist; zu trösten, wer trauert; aufzurichten, wer am Boden liegt; zu pflegen, wer hilflos ist. In eher stillen Werken christlicher Caritas, in Kinderheimen, Krankenhäusern, aber auch in Schulen und anderen Einrichtungen lassen Sie sich von der Botschaft leiten, dass allen Menschen nicht der Tod, sondern der Sieg des Lebens verheißen ist. Gerade im Heiligen Land, das von tiefen Gräben und Rissen durchzogen, von fragwürdiger Grenzziehung bedrängt und von einer blutigen Spur des Todes gezeichnet ist, darf diese Botschaft nicht verstummen.

Nicht nur das Heilige Land, auch unser Land braucht ritterliche Menschen, die für den Sieg des Guten, für den Sieg des Lebens kämpfen; ritterliche Menschen, die nicht mit Waffen, sondern mit entwaffnender Liebe kämpfen und im Nächsten das Abbild Gottes sehen, den Bruder und die Schwester; Menschen, die aufrichtig, ehrlich, gerecht, barmherzig und glaubwürdig sind; Menschen, die Frieden stiften und keine Wunden schlagen, sondern Wunden heilen. Zu solchem Rittertum sind Sie gerufen. Das ist das Ideal, dem Sie sich verschrieben haben.

Wo finden sie die Kraft dazu? Diese Frage führt uns noch einmal in die Grabeskirche in Jerusalem.

Der Hl. Vater hat ein eucharistisches Jahr ausgerufen, das heute beginnt. Das Geheimnis der Eucharistie steht im Zentrum der Kirche, nicht nur in diesem Jahr. Denn „die Kirche lebt von der Eucharistie“. So beginnt die Enzyklika des Papstes über das Geheimnis der Eucharistie vom letzten Jahr. Sein Anliegen ist es, den kostbaren Schatz, der uns in diesem Geheimnis geschenkt ist, neu zu entdecken und mit tieferer Inbrunst zu feiern. Diese Feier führt uns zunächst in den Abendmahlsaal, wo Christus den Jüngern in den Gestalten von Brot und Wein seinen am Kreuz geopferten Leib und sein vergossenes Blut zur Speise gereicht hat. Dabei hat er ihnen aufgetragen: Tut dies zu meinem Gedächtnis! Damit hat er ihnen und uns allen die Feier seines Todes und seiner Auferstehung hinterlassen; die Feier dessen, was am „heiligsten Ort der Erde“, den die heutige Grabeskirche umfängt, geschehen ist: der Sieg der entwaffnenden Liebe Gottes, mit dem eine neue Zeit, die Zeit des Heiles angebrochen ist. Mit der Allmacht seiner entwaffnenden, siegreichen Liebe wird Gott verwirklichen, was er versprochen hat: „Seht, ich mache alles neu“ (Offb 21,5).

Die Feier der Eucharistie führt uns ans „leere Grab, das Zeugnis für den Sieg des Lebens über den Tod ablegt“ (Johannes Paul II.). Die Feier der Eucharistie ist die Quelle, aus der Sie die Kraft schöpfen für den ritterlichen Dienst entwaffnender Liebe, dem Sie sich verschrieben haben, damit in unserer Welt nicht der Tod, sondern das Leben, nicht der Hass, sondern die Liebe siegt. Amen.

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