Investitur in München vom 15. - 17. Oktober 2004

930 Ordensmitglieder und ihre Angehörigen – die Herbstinvestitur in München wurde zum Rekord, da wurde es selbst in den großen Kirchen reichlich eng. Dennoch: Die eindrucksvollen Tage werden vielen in Erinnerung bleiben, denn die erprobte Mischung aus Spiritualität, Feststimmung und Erlebnis bestimmen den inneren und äußeren Erfolg jeder Investitur. Es war vor allem Patriarch Michel Sabbah, der – bei aller Freude – ein nüchternes, fast erschreckendes Bild vom Heiligen Land zeichnete.

Großprior Bischof Anton Schlembach würdigte den Patriarchen: „Wir danken Ihnen von Herzen, dass Sie zu uns gekommen sind. Mit Ihnen ist Jerusalem bei uns. Mit Ihnen sind wir in Jerusalem und im Heiligen Land. Immer wieder bewundern wir Sie, mit welcher Kraft und Tapferkeit Sie Ihre äußerst schwierige Aufgabe wahrnehmen, Hoffnung in die Hoffnungslosigkeit zu bringen, und das Heilige Land, das durch Gewalt und Hass entstellt ist, der Versöhnung und einem gerechten Frieden näher zu bringen.“ Sabbah forderte während der Investitur eine Rückkehr an den Verhandlungstisch beider verfeindeter Parteien. „Wir müssen die Herzen der Menschen bekehren. Und die Welt muss verstehen, dass wir Palästinenser die Sicherheiten, die der Staat Israel braucht, nicht anzweifeln.“ An die Ordensgemeinschaft gewandt, sagte er: „Ohne Ihre Hilfe – materiell und im Gebet – können wir im Heiligen Land nicht überleben. Danke, dass Sie uns nicht vergessen haben.“ Vom Mut und Einsatz Sabbahs konnte sich auch der Bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber überzeugen. Während eines Meinungsaustauschs in der Staatskanzlei betonte Stoiber seine Auffassung zur Lage im Nahen Osten: „Der Nahe und Mittlere Osten sind die Gefahr für den Weltfrieden. Ich danke Ihnen für Ihre Verantwortung, die die Christen mit Ihnen für einen Frieden in Nahost übernehmen.“ Die Person Yassir Arafats bezeichnete Stoiber als tragisch, da er eine zentrale Verantwortung trage, den Friedensprozess zum Scheitern gebracht zu haben: „Um so mehr sind dringend freie Wahlen notwendig, um den Palästinensern die erhoffte Stabilität zu geben“, so Stoiber. Patriarch Sabbah pflichtete bei: „Was wir brauchen, sind Olivenzweige und keine Gewehrläufe.“

Die Investitur in München verband die aktuelle Lage im Heiligen Land mit der Geschichte des Ritterordens. In der Kassenhalle der Hypo-Vereinsbank konnte sich die Münchner Bevölkerung bereits vor der Investitur bei einer didaktisch und visuell perfekten Ausstel-lung über den Orden informieren. Cfr. Jobst von Beckedorf, Ltd. Komtur in München und Bayerns Provinzpräsident Cfr. Peter Neukam dürften am Ende der Investitur ein Stein vom Herzen gefallen sein, als die Ordensmitglieder nach vollbrachter organisatorischer Leistung reich beschenkt nach Hause fuhren.

Spiritualität und Glaube

Ein Geschenk waren die Gottesdienste und Meditationen während der Tage in München. Bei der Vigilfeier am Freitagabend erinnerte Kardinal Leo Scheffcyzk in der Kirche St. Peter an das Geheimnis Mariens und ihre gleichsam zupackende Art: „Wer in der Begleitung Jesu konnte es wagen, den Herrn persönlich anzugehen und ihn um Hilfe in einer menschlichen Not zu bitten, einer Not, die nur durch ein wunderbares Eingreifen gebannt werden konnte? Dazu ist allein Maria befugt und befähigt, weil sie die Mutter des Herrn ist. Ihr kommt daraufhin nicht nur die innerlichste mütterliche Herzensbindung an den Sohn zu, sondern auch jene unaufdringliche und anspruchslose innere Autorität, die einer Mutter zu eigen ist.“

Cfr. P. Dominik Kitta fragte in der nächtlichen Betrachtung für die neuen Kandidaten des Ordens nach der Bedeutung des leeren Grabes und zeigte dadurch die Dimension des Ritterseins heute auf: „Wir, die Damen und Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem, sind Zeugen für das Heil, das am leeren Grab Jesu verortet wird, sind Menschen, denen ausdrücklich die Aufgabe zugeschrieben ist, die ‚heiligende’ Bedeutung des Grabes zu leben und anderen zu erzählen, zu vermitteln, sind Christen, denen Er sich im Sterben und Auferstehen als der Lebendige, als der Lebende erweist.“

Während des Investiturgottesdienstes forderte Großprior Bischof Schlembach von den Ordensmitgliedern ein klares gesellschaftliches Engagement: „Es kann uns nicht gleichgültig lassen, dass 70 Prozent der Menschen in Ostdeutschland nicht getauft sind und dass trotz der zwei Milliarden Christen zwei Drittel der Menschheit Jesus Christus nicht kennen. Und die zahllosen aktuellen gesellschaftspolitischen Stichworte sind für uns ebenso viele Impulse und Imperative zum Einsatz für das Reich Gottes, dem Hauptanliegen Jesu, unter den gesellschaftlichen Bedingungen in dieser Stunde der Kirche und Menschheit.“ Den Bogen zurück zum Heiligen Land und insbesondere zum Irak schlug in den Predigten der Erzbischof von München und Freising, Kardinal Friedrich Wetter. Dem Friedenseinsatz in der Welt könne sich niemand verschließen: „Auch unser Bemühen um den Frieden in der Welt und im eigenen Land muss von diesem Geist beseelt sein, wenn es Erfolg haben soll. Niemand in der Welt setzt sich so für den Frieden ein wie unser Heiliger Vater. Seine beschwörenden Rufe vor dem Irak-Krieg sind nicht vergessen. Er ist der große Friedensrufer unserer Zeit, weil er auf den Sieg der gewaltlosen Liebe baut, die am gekreuzigten und auferstandenen Herrn Maß nimmt. Würden die Mächtigen dieser Erde in ihrer Ohnmacht doch auf ihn hören! Unsere Welt sähe anders aus.“ Zumindest etwas von der besseren Welt war in dem eindrucksvollen, von höchstem Können dargebrachten musikalischen Rahmen während der Gottesdienste in München zu spüren.

Zeugnis und Verantwortung

Statthalter Prof. Dr. Paul Oldenkott erinnerte während der Investiturtage an die älteren und kranken Ordensmitglieder: „Ihnen gilt unser Gebet. Sie sind fester Bestandteil unserer Gemeinschaft.“ Klare Worte gab es auch aus Rom. Der Generalgouverneur des Ordens, Cfr. Dr. Pier Luigi Parola forderte die Ordensmitglieder auf, Zeugnis in der Gesellschaft zu geben: „Es kann keine Zukunft für eine Gesellschaft geben, die ihre Verbindungen zu den eigenen Traditionen und Wurzeln aufgibt … Ich bin daher sicher dank Ihres spirituellen Engagements, Ihrer caritativen Hilfe und Ihres Mitwirkens in der Gemeinschaft, in der Sie leben, dass der Ritterorden auch künftig wissen wird, wie er auf die Herausforderungen des Dritten Jahrtausends antworten wird.“ Mitglied im Orden zu sein, dürfe einen Menschen mit Stolz erfüllen, noch größerer Stolz müsse aber im eigenen Glauben liegen, so Parola: „Vergessen Sie niemals, dass die Mitgliedschaft in unserer Gemeinschaft bedeutet, der Kirche und dem Orden zu dienen, ohne etwas davon zu erwarten. Die Mitgliedschaft bedeutet nicht, den Orden zur Sättigung der eigenen Bedürfnisse zu nutzen, um wohlgemeinte Dekorationen zu erhalten.“

Auf dem Bild links: Großprior Bischof Dr.Schlembach, Vize-Generalgouverneur Graf von Metternich, Generalgouverneur Dr.Parola, S.Königliche Hoheit Franz von Bayern, Staatsministerin Stewens, Kardinal Wetter, Patriarch Sabbah (v.l.n.r.)


Beeindruckt von der Arbeit des Ordens zeigte sich vor allem Bayern Staatsministerin Christa Stewens während eines Empfangs der Bayerischen Staatsregierung. Im ehrwürdigen Kaisersaal der Residenz hob sie das vielfältige Wirken der Gemeinschaft hervor und verband die Aufgaben des Ordens mit der Gesellschaft von heute: „Die Ritter haben sich durch Ihren Treueid zu einem Leben nach christlichen Werten in ihrer Gemeinschaft verpflichtet. Glaubensbekenntnisse dieser Art sind in einer zunehmend säkularisierten Welt immer seltener – gerade heutzutage wären sie aber besonders wichtig: Solche Bekenntnisse vermitteln eine Wertorientierung, sie fördern ein humanes Zusammenleben und sie geben einer Gesellschaft inneren Zusammenhalt. Eine gemeinsame Wertorientierung ist die wichtigste Grundvoraussetzung für politische und soziale Stabilität eines Landes.“

Für Werteorientierung steht in Bayern auch Seine Königliche Hoheit, Herzog Franz von Bayern, der in München in den Orden aufgenommen wurde. „Ich sehe es als Herausforderung an, durch die Ordenszugehörigkeit den Menschen im Heiligen Land ganz konkret zu begegnen“, betonte der Herzog. Sein Vater hatte Jahrzehnte zuvor an der Wiederbegründung der Bayerischen Ordensprovinz mitgewirkt.

Die Investitur in München, zwischen Löwenbräukeller und Hofbräuhaus, zwischen Beispielen der Weltarchitektur und der „Mutter aller Kirchen Münchens“ war ein gute öffentliches Zeugnis der Ordensgemeinschaft.

Mit den klaren Worten des Lateinischen Patriarchen existierte das Heilige Land ganz konkret in den Herzen der Menschen, die neuen Mitglieder mit ihrem Elan waren Motivation für die nach München gereisten Gäste. Großprior Bischof Schlembach brachte das Fühlen der Investiturteilnehmer und die zentrale Rolle des Patriarchen auf einen Punkt: „Ihre Person ist eine beständige Erinnerung an das Jesajawort: ‚Um Zion willen kann ich nicht schweigen, um Jerusalems willen nicht still sein, bis das Recht in ihm aufstrahlt wie ein helles Licht und sein Heil aufleuchtet wie eine brennende Fackel.’ (62,1) Wir beten, opfern und geben die Hoffnung nicht auf, dass sich die Verheißung des Jesajabuches erfüllen wird. ‚Freut euch mit Jerusalem, der heiligen Stadt ... alle, die ihr über sie traurig wart ... Denn so spricht der Herr: Seht her: Wie einen Strom leite ich den Frieden zu ihr ... In Jerusalem findet ihr Trost.’ (Jes 66,10.13)                                     Cfr. Matthias Kopp

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