Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem

"Weil Jesus ihn liebte" - Predigt von Cfr. Erzbischof Dr. Zollitsch, Freiburg, beim Dankgottesdienst anlässlich der Investitur in Mannheim am 11.10.2009

In seiner Predigt beim Sonntagsgottesdienst erinnerte der Freiburger Erzbischof und Vorsitzende der Deutschen Bischofs-konferenz, Cfr. Erzbischof Dr. Zollitsch, an die Zerstörung der Grabeskirche von Jerusalem vor genau einem Jahrtausend.

 

In Dankbarkeit und Freude über die Aufnahme von 24 Damen und Herren in unseren Orden der Ritter vom Heiligen Grab feiern wir diesen Gottesdienst. Wir danken Gott, dass er Sie in unseren Orden berufen hat. Wir danken Ihnen, werte Neuinvestierte, dass Sie mit Ihrem Ja der lebendigen Gemeinschaft der Ritter Ihr Gesicht geben und sich mit uns den Zielen und Idealen des Ordens verpflichtet wissen. Sie tragen dazu bei und lassen uns erleben, dass der Orden wächst. Und was wächst, ist lebendig.

 

Jerusalem – Erinnerung macht nachdenklich und dankbar

 

Sie, werte Schwestern und Brüder, sind Damen und Ritter des Jahres 2009. Dieses Jahr ruft eine sehr nachdenkliche und schmerzliche Erinnerung wach. Vor tausend Jahren, im Jahr 1009, wurde das Heilige Grab in Jerusalem zerstört. Mansur al-Hakim, Kalif von Ägypten und Syrien, schleifte am 28. September 1009 die Grabeskirche in Jerusalem bis auf ihre Grundmauern. Er ließ Mauern, Altäre, die Anastasis und das Heilige Grab zerschlagen bis kein Stein mehr auf dem anderen stand. In einem Anfall von Zerstörungswahn und Endzeitstimmung – nach dem islamischen Kalender schrieb man das Jahr 400 – zerstörte er die konstantinische Kirche, eine der heiligsten Stätten des Christentums, wenn nicht die heiligste Stätte überhaupt. Die Angst verhinderte jede rationale Überlegung; und bald nach seinem Anfall ritt der wahnsinnig gewordene Kalif davon und blieb für immer in der Wüste verschollen.

 

Diese Zerstörung vor 1000 Jahren und der Blick in die Geschichte machen nachdenklich. Nachdenklich, denn bis heute toben immer wieder Krieg und Zerstörung im Heiligen Land. Jerusalem, die Stadt des Friedens, ist gespalten und zerrissen. Doch 1000 Jahre nach der Zerstörung des Kernpunktes unserer ritterlichen Spiritualität macht der Blick in die Gegenwart nicht nur nachdenklich, sondern – so paradox es klingen mag – auch dankbar: Dankbar, dass sich heute dort wieder Menschen versammeln. Im Vorhof der Grabeskirche trifft man Christen aus aller Welt. Angesichts der Tatsache, dass hier vor 1000 Jahren kein Stein mehr auf dem anderen stand, dürfen wir dankbar erleben, dass Gott stets Neues entstehen lässt. Er lässt das neue Reis sprießen (vgl. Jes 11,1). Er ist bei seinem Volk, er geht mit uns – mit seinem Segen. Dem Wirken seines Heiligen Geistes kann auch die endzeitliche Zerstörungswut al-Hakims letztlich nichts anhaben.

 

Herausforderung und Zusage – Anspruch und Zuspruch

 

Im Evangelium haben wir gehört, wie der reiche junge Mann sich seines Heils versichern will. Er hält die Gebote – was kann er noch tun? Jesus Christus lädt den jungen Mann zur Nachfolge ein, zur Nachfolge im Heiligen Geist – in Liebe und aus Liebe. Doch dieser Anspruch, die Herausforderung des Evangeliums, alles loszulassen, was ihn hindert, sich voll und ganz auf Christus einzulassen, erscheint dem jungen Mann unmöglich. Traurig geht er weg, denn er ist sehr vermögend. Doch das Evangelium führt uns tiefer, es zeigt uns den wahren Beweggrund Jesu für seine Antwort: „Geh, verkaufe, was du hast, gib dein Geld den Armen (...); dann komm und folge mir nach!“ (Mk 10,21). Diese Einladung erfolgt nicht als Prüfung, nicht als Gewissensprobe; einzig „weil er ihn liebte“, findet Jesus gegenüber dem reichen jungen Mann so deutliche Worte.

 

Diese Einladung zur Nachfolge geht auch an uns, an unseren Orden. Wir sind angesprochen, ernst zu machen mit der Nachfolge, unseren Glauben lebendig werden zu lassen. Unser Glaube ist nicht eine „Meinung“ oder „Weltanschauung“ unter vielen, wie wir verschiedene Ansichten zu verschiedenen Themen haben. Nein, unser Glaube will unser ganzes Leben durchdringen und bestimmen! Jesus Christus lädt uns ein, seiner Liebe alles andere unterzuordnen: Er lädt uns ein, weil er uns liebt! Und dabei dürfen wir uns immer wieder vor Augen halten: Seine Liebe endet nicht an unseren Grenzen, an unserer Unzulänglichkeit. Nein, „für Gott ist alles möglich“. Er nimmt sich unserer Schwachheit an. Seine Liebe trägt uns und schwingt uns auf zur größeren Liebe Gottes. So wie Jesus den jungen Mann dazu einlädt, sein Hab und Gut zu verkaufen und ihm nachzufolgen – aus Liebe –, so beschreibt auch das Johannesevangelium diese größere Liebe auf ermutigende Weise. Der Auf­erstandene fragt Petrus: „Liebst du mich mehr als diese?“, (Joh 21,15) und Petrus antwortet: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe.“ Dreimal fragt Jesus und dreimal antwortet Petrus – bis er betrübt erkennt, warum Jesus ihn immer wieder gefragt hat: Es ist die Frage nach der größeren Liebe, nach dem „mehr als“, die Jesus gestellt hat: Die Frage, ob wir Jesus Christus nicht nur lieben und nachfolgen – sondern ob wir ihn als Maßstab unseres Lebens setzen. Und Jesus respektiert, dass Petrus auf die Frage nach der größeren Liebe nicht eingeht und nicht darauf antwortet. Aber die Frage bleibt.

 

Diese Frage stellt der Auferstandene auch uns: „Liebst Du mich mehr als diese?“ Er fragt uns in Liebe und aus Liebe. Diese Frage ist, wie bei dem reichen jungen Mann, kein Prüfstein, keine Messlatte. Jesus Christus stellt sie uns, weil er uns liebt. Dreimal lädt er Petrus ein, sich selbst vor Augen zu führen, worauf er sein Leben gründet. Und immer wieder holt er ihn ein. Er umfängt den, der um seine Grenzen weiß und hinter seinem eigenen Anspruch und seiner eigenen Hoffnung zurückbleibt, mit seiner göttlichen Liebe. Er lässt uns nicht fallen – aber er fragt weiter. Diese Frage nach der größeren Liebe ist und bleibt für uns Herausforderung und Stachel – jeden Tag aufs Neue. Damit bietet Jesus dem jungen Mann weit mehr an. Die Liebe Gottes wird konkret greifbar in ihm selbst, in Jesus Christus. Das Wort ist Fleisch geworden, Gottes Wort wurde in Gottes Sohn Mensch. Er spricht nicht nur wie einer von uns, er fühlt nicht nur wie wir, er leidet, freut sich und lacht nicht nur wie einer von uns; er ärgert sich, wird zornig und ungehalten. In Jesus ist Gott nicht nur einer von uns geworden. In Jesus spricht Gott sich selber aus, in seinem innersten Kern und gibt sich zu erkennen als der, der er ist: Gott ist die Liebe. Jesus Christus ist für unsere Sünden gestorben und auferstanden, er hat uns erlöst. In ihm ist die Liebe Gottes unter uns erschienen: Er ist diese Liebe selbst. Jesus Christus lädt uns, wie den jungen Mann, ein, seine Liebe zur Grundlage und Klammer unseres Lebens zu machen. Diese Klammer gibt unserem Leben eine Form, die Form der Liebe. Es ist die Form der Freiheit, der Freiheit für Gott.

 

Kardinaltugenden: Der Cardo der Freiheit für Gott

 

Diese Freiheit wünscht sich auch Salomo. In der Lesung aus dem Alten Testament haben wir seinen Lobpreis der Weisheit gehört. Als Salomo den Tempel baute, gestattete Gott ihm einen Wunsch. Und der König Israels wünschte sich nicht Reichtum und Macht; nein, der Sohn Davids wünschte sich ein weises, ein hörendes Herz (1 Chr 1,7-12). Er wünschte sich ein Herz, das frei ist für Gott, das sich nicht von Schätzen und Sorgen bestimmen lässt.

Auch das weise, hörende Herz braucht Pflege und Übung. Ein Herz, das sich müht, frei zu sein für Gott, ist Türöffner hin zu Gott. So heißen die vier Tugenden, die die Grundpfeiler des ritterlichen Lebens sind, auch Kardinal-Tugenden, basierend auf dem lateinischen Wort „cardo“ für Türangel, Dreh- und Angelpunkt. Wer sich in Jerusalem auskennt, weiß, dass der dortige Cardo, die Hauptstraße, die einmal quer durch die Altstadt führte, seit Jahrhunderten der Dreh- und Angelpunkt der Stadt ist. Über diese Straße betritt man die Stadt. So ähnlich verhält es sich mit den Kardinaltugenden. Sie sind unsere Türöffner. Tapferkeit und Mäßigung, Gerechtigkeit und Klugheit sind die kleinen, handhabbaren Münzen der Liebe Gottes. Sie auszuüben bedeutet, der Einladung Jesu, seine Liebe als Grundlage unseres Lebens zu legen, Schritt für Schritt zu folgen.

 

König Salomo beschreibt nur wenige Verse nach denen der heutigen Lesung ein wichtiges Element einer dieser Tugenden, der Klugheit: „Alles Verborgene und alles Offenbare habe ich erkannt; denn es lehrte mich die Weisheit, die Meisterin aller Dinge“ (Weish 7,21). Die Weisheit ist die Gabe und Fähigkeit, Dinge, Geschehnisse und Handlungen im Licht Gottes zu betrachten. Diese Sichtweise steckt hinter der Aufforderung Jesu: „Folge mir nach!“ Es braucht dazu die Gabe der Unter­scheidung: zu erkennen, was uns Gott näher bringt und was uns von ihm entfernt; unterscheiden zu können, ob Schätze wichtiger sind als das Leben. Wahrhaft klug und weise handelt dabei der, der die Konsequenzen seines Handelns nicht nur erkennt, sondern auch bewusst übernimmt. Wer in diesem Sinne klug lebt, bereitet sein Herz für Gott.

 

Auf diesem Weg zu Gott ist der „Cardo“ jeder Gesellschaft und gleichzeitig jedes Menschen die Gerechtigkeit: Gerecht zu sein bedeutet, anzuerkennen, dass allen Menschen als Gottes Kindern die gleichen Rechte und Pflichten zustehen, und sich dafür einzusetzen. Zugleich stehen wir Christen in der Nachfolge Jesu: Er hat uns ein „Mehr“ an Gerechtigkeit vorgelebt: Mehr, als nur ‚jedem das Seine‘ zuzugestehen (vgl. Mt 5,20), begegnet er uns in Liebe und Vergebung. Dieser Weg scheint uns – wie dem jungen Mann – oft steil und steinig. Damit wir für die Stimme Gottes in unserer Welt, für unsere Über­zeugung aufstehen und einstehen, bedarf es der Tugend der Tapferkeit. Auch sie braucht Übung und Pflege. Wer tapfer ist, hat die Kraft, nicht den einfachen, bequemen Weg der Mitläufer zu gehen, und weiß zugleich, dass seine Stärke allein in Gott liegt. Dazu gehört, nicht alles selbst erreichen zu wollen, Grenzen anzunehmen: Die Tugend der Mäßigung ist nicht Askese oder Selbstbeschneidung, sondern sucht ein Gleich­gewicht von Gefühlen und Selbstbeherrschung, wie es Jesus dem jungen Mann vor Augen führt. Hier liegt eine Chance, loslassen zu können für Gott, zu erkennen, was uns zu ihm, für den zu leben sich lohnt, führt. Auf dem „Cardo“ der Tugenden liegt die Chance, sich der Frage Jesu auszusetzen: „Liebst Du mich mehr als diese?“ Je mehr wir im Alltag, in großen und in kleinen Entscheidungen, in Begegnungen und Überraschungen unser Leben durch diese Tugenden formen lassen, desto mehr erfahren wir von dem Reichtum der Gaben, die im Herzen dessen wirksam werden, der sich frei macht für Gott. Diese besondere Formung, eine ritterliche Bildung des ganzen Menschen, treffe ich bei den Damen und Herren der Ritter vom Heiligen Grab immer wieder an. Es ist gut, wenn man Sie, werte Sorores et Confratres, nicht nur am Ordenskleid, sondern mehr noch an Ihrer ritterlichen Haltung erkennt. Jesus Christus hat uns diese Freiheit aufgezeigt, weil er uns liebt. Indem wir seine Liebe, gewechselt in die Kardinaltugenden, in das Kleingeld des täglichen Lebens, einüben und ausüben, geben wir Zeugnis davon, dass Gottes Geist uns trägt und lebendig macht. Er schafft Leben, er lässt Neues entstehen: in unserer Gemeinschaft, die durch 24 Männer und Frauen gewachsen ist; in Jerusalem, wo auf den Trümmern der Zerstörungswut wieder ein heiliger Ort entstanden ist. Die Liebe Gottes ist größer als alles, was wir zu denken wagen. Im Vertrauen auf sie, auf den Heiligen Geist können wir uns auf die Frage Jesu einlassen: „Liebst du mich mehr als diese?“ Denn wir wissen: Für Gott ist nichts unmöglich. Amen.

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Die Juni-Ausgabe des Vatikan-Newsletter enthält eine Botschaft des Kardinal-Großmeisters und Berichte.

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