Predigt des Bischofs von Magdeburg Gerhard Feige bei der Investitur am 2. Oktober 2005 in St. Sebastian

Saure Beeren oder süße Trauben?
(Jes 5, 1-7; Phil 4, 6-9: Mt 21, 33-44)

„Als nun die Erntezeit kam…“ – dieser Gedanke durchzieht die Texte des heutigen Sonntags. In der ersten Lesung haben wir das so genannte Weinberglied des Propheten Jesaja gehört. Im Matthäus-Evangelium ist vom Gutsbesitzer die Rede, der die Früchte seines Weinbergs einfordert.

Ernte: das könnte auch ein Bild sein für die beiden Feste, die gestern gefeiert wurden und den heutigen Sonntag mit prägen: die Weihe der Orgel dieser Kirche – und die Investitur von 18 Kandidaten und Kandidatinnen des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem.

Denn Ernte: das ist die Zeit, wo etwas sichtbar zur Reife gelangt ist – eine Zeit der Fülle, eine Freudenzeit, eine Hoch-Zeit. In allen Kulturen wurde und wird deshalb bis zum heutigen Tag die Erntezeit feierlich begangen. Wer einen Garten hat, in der Landwirtschaft tätig ist oder Wein anbaut, kennt die elementare Freude und Dankbarkeit, wenn eine gute und reiche Ernte eingeholt werden kann.

Die Ernte: das ist aber auch die Zeit, wo vieles ans Licht kommt. Bei der Ernte zeigt sich, ob die Früchte etwas taugen, ob ein Baum, ein Feld oder ein Weinstock überhaupt Früchte gebracht hat. So kann neben Erfolg durchaus auch Misserfolg offenbar werden.

Die Texte des heutigen Sonntags führen uns jäh zu diesem Ernst der Lage und bringen einen herben Ton ins Spiel. In beiden Fällen – im Weinberglied des Jesaja und im Gleichnis von den bösen Winzern – ist etwas schief gegangen, das sich bei der Ernte nun zeigt. Der Weinstock hat trotz aller Hege und Pflege statt der süßen Trauben nur saure Beeren gebracht. Und der Gutsbesitzer im Matthäus-Evangelium wird um seine Früchte sogar mit Mord und Totschlag betrogen. Das schreit geradezu nach Vergeltung.

Wer selbst einmal Missernten erfahren hat, kennt die Enttäuschung, ja die Wut und Verzweiflung darüber – und dies umso mehr, je mehr vorher investiert wurde und je mehr jemand auf einen guten Ertrag angewiesen ist. So können die meisten von Ihnen sicher gefühlsmäßig nachvollziehen, dass es in beiden Texten zur Androhung von Gericht und Strafe kommt. Im Weinberglied des Jesaja klingt das sehr drastisch: „Zu Ödland will ich ihn – meinen Weinberg – machen. Seine Mauern reiße ich ein, so wird er zertrampelt…“ (Jes 5, 6.5) Menschlich ist das durchaus verständlich.

Aber handelt denn Gott auch so? Ist er auf Rache und Vergeltung angewiesen? Haben wir es mit einem strafenden Richter-Gott zu tun, wie es in der kirchlichen Pädagogik früherer Zeiten häufig vermittelt wurde? Greift Gott sozusagen zu einer „Schreckschusswaffe“, um uns zum Guten zu zwingen?
Wo bleibt dann im Gleichnis von den bösen Winzern die Frohe Botschaft? Ist es nicht doch eher eine Droh-Botschaft?

Es fällt uns heutzutage nicht leicht, mit so düsteren Texten der Schrift umzugehen – und dazu noch an einem solchen Tag, wo eigentlich alles im Zeichen der Freude und des Festes steht? Aber wir können uns das Thema nicht aussuchen; und das ist vielleicht auch gut so. Also, stellen wir uns dem, was uns da eben zugemutet wurde!

Wenn wir genauer hinschauen und die Texte auf uns wirken lassen, dann zeigt sich zweierlei:
Zum einen:
Die Texte der Bibel sind nicht harmlos. Sie sind nicht dazu da, uns einfach zu bestätigen und zu beruhigen. Da läuft manchmal etwas quer zu unseren Erwartungen, scheucht uns auf, stellt uns in Frage. Gott steht weder im Alten noch im Neuen Testament im Dienst unseres Glücks oder unseres Erfolgs. Beides wird immer wieder durchkreuzt. So hören wir Jesus auch einmal sagen, dass er nicht – (oder nicht nur) – gekommen sei, um den Frieden zu bringen – jedenfalls keinen „faulen“ Frieden!
Zum anderen:
Gott erweist sich in diesen Texten keineswegs als unberechenbarer und rachsüchtiger Despot. Er will weder die Zerstörung des Weinbergs noch die Vernichtung der bösen Winzer. Im Gleichnis bei Matthäus kommt ein solches Urteil nämlich nicht aus dem Munde Jesu, es wird vielmehr von den Hohenpriestern und Ältesten so vorgeschlagen. Jesus hingegen zeigt auf, dass Gott eine andere Absicht hat, von der er niemals abweicht: nicht Zerstörung und Vernichtung sind sein Wille, sondern Heil und Erlösung. Darin geht Gott, indem er sogar seinen Sohn aufs Spiel setzt, bis zum Äußersten. Dass es dann dennoch zum Gericht kommt, ist Folge menschlichen Verhaltens. Da, wo Gottes Angebot abgelehnt wird, wo seine liebende Sorge und Zuwendung verkannt oder missachtet werden, richtet sich der Mensch gewissermaßen selbst. Der Prophet Jesaja drückt das so aus: Wo Recht und Gerechtigkeit unter den Menschen mit Füßen getreten werden, da kann sich der Friede Gottes, sein umfassendes Heil, nicht auswirken. Da zerstört der Mensch sich selbst und die Gemeinschaft, in der er lebt.

Was können wir aus diesen beiden Beobachtungen nun für uns folgern?
Jesu Botschaft beginnt und endet – auch im Matthäusevangelium – mit der Ansage, dass Gott sich uns zuwendet. Das heißt, dass wir Christen zuallererst einmal Menschen sind, die aus der Hoffnung leben dürfen. Das heißt aber nicht, dass wir dadurch zwangsläufig schon „auf der sicheren Seite“ wären; wir bringen nicht automatisch „gute Früchte“, sondern erleben und erleiden wie alle Menschen Ambivalenz und Gebrochenheit. Es gibt die Möglichkeit von Schuld und Scheitern – im persönlichen Leben und auch im Leben der Kirche als Ganzer. Was wir tun oder unterlassen, hat Konsequenzen für uns selbst und für andere. Die Gewissheit der Zuwendung Gottes ist deshalb mit einem Anspruch verbunden: so zu handeln, dass es dem Willen Gottes entspricht. Dieser Wille Gottes lässt sich sowohl beim Propheten Jesaja als auch bei Matthäus leicht entziffern: Es geht um eine Lebenspraxis, die ernst macht mit der Option für Hungernde, Dürstende, Fremde, Nackte, Kranke und Gefangene – und die diese geringsten Schwestern und Brüder in den Mittelpunkt allen Tuns stellt.

Liebe Schwestern und Brüder,
eigentlich sind wir zum Feiern gekommen; die neue Orgel, die Investitur der Ritter vom Heiligen Grab und der Sonntag sind die Anlässe, die uns in so großer und froher Runde zusammengeführt haben. Dennoch sollten wir uns auf die Texte des heutigen Tages einlassen. Sie provozieren uns, heilsam innezuhalten und sich vielleicht nüchtern zu fragen, wie es um uns als Bistum, als Gemeinde, als Ordensgemeinschaft steht; woran wir uns eigentlich halten, was unsere Motive und Ziele sind?
Heilsam innezuhalten: das kann auch bedeuten, dass wir wach und sensibel die Geister in unserem kirchlichen Tun unterscheiden lernen; dass wir uns der doppelten Gefahr bewusst bleiben, die kirchliches Handeln von Anbeginn an begleitet hat:
— Kirche wird dann nämlich nur „saure“ oder vielleicht sogar überhaupt keine Früchte hervorbringen, wenn sie sich zu sehr mit den Mächtigen arrangiert, in sehr irdischem Sinn erfolgreich sein will und dafür faule Kompromisse eingeht. Anders gesagt: wenn sie sich gesellschaftlich „hoffähigen“ Trends anpasst, ihr Profil selbst abschleift und ihren Biss verliert.
— Auf der anderen Seite bleibt sie ebenso unfruchtbar, wenn sie hart und unnachgiebig ihren Kurs verfolgt und dabei die konkreten Menschen mit ihren Fragen, ihrem Suchen, ihren Schicksalen nicht mehr im Blick hat, wenn sie den Dialog verweigert, sich hinter Schutz- und Trutzmauern zurückzieht und die angeblich böse Welt ihrem eigenen Schicksal überlässt.

Um dieser doppelten Gefahr zu begegnen und sie zu bestehen, braucht es Haltungen und Tugenden, die sich in der Beschreibung des Ritterordens vom Heiligen Grab nachlesen lassen und die wir in ganz ähnlicher Weise auch in der zweiten Lesung vom heutigen Sonntag finden: „Was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter, liebenswert, ansprechend ist, was Tugend heißt und lobenswert ist, darauf seid bedacht! Was ihr gelernt und angenommen, gehört und an mir gesehen habt, das tut!“ (Phil 4,8)

Solche Haltungen können dazu beitragen, dass Kirche sich „nicht einfach den dynamischen Kräften dieser Gesellschaft“ überlässt und so „zum üblichen Treibsand dieser Zeit“ wird. Dass ihr vielmehr „die innere Kraft zum Dialog und Widerstand zugleich“ erwächst (Kardinal Lehmann), und dass sie so fähig wird, Zeugnis zu geben. Die Bibel ist hier eindeutig: Zeugnis geben ist nicht einfach eine Frage des Bekenntnisses; Zeugnis geben ist untrennbar verbunden mit der Suche nach Gerechtigkeit und Barmherzigkeit für alle Menschen. Nur so bringen wir als Kirche und als Einzelne die erwarteten Früchte. Nur so finden wir miteinander den umfassenden Frieden, wie er uns im Philipperbrief zugesagt ist: „Der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus Jesus bewahren.“ (Phil 4,7). Möge das Wirklichkeit bleiben oder werden! Mögen wir, angerührt von Gottes liebevoller Zuwendung, reiche Frucht bringen: nicht saure Beeren, sondern süße Trauben! Amen.

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