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Investituren
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Predigt von Cfr. P. Dr. Otfried Reuter ofm bei der Investitur in Köln am 17. Mai 2003Unter dem Vorsitz von Kardinalgroßmeister Carlo Furno wurde der Investiturgottesdienst in Köln am 17. Mai 2003 gefeiert. P. Dr. Otfried Reuter ofm hielt die Festpredigt und ermutigte die Ordensmitglieder, Jesus als neuen Weg zum Leben zu entdecken.
„Auge für Auge und Zahn für Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin ... Wer dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, den weise nicht ab.“ (Mt 5, 38-42) Der Text aus dem Evangelium ist wohl eine der bekanntesten Stellen aus der heiligen Schrift. Kein Wunder, denn er ist mehr als spektakulär. Die darin enthaltenen Anforderungen sind drastisch und radikal. Wenn wir ehrlich sind, stellt jeder von uns, der nach dem Evangelium Jesu zu leben versucht, bei diesem Text ängstlich die Frage: „Meint Jesus das wirklich wörtlich?“ Hinter dieser Frage steht das fertige Urteil: Das kann er so nicht gemeint haben! Das wäre doch eine glatte Überforderung des Menschen, eine Zumutung, die nicht akzeptiert werden kann! Gewalt und Gegengewalt gehören zum Menschen, sonst gibt es ja kein Überleben für ihn. Und wenn wir in die Geschichte der Menschheit hineinschauen: Gewalt, zerstörerische Gewalt gab und gibt es immer wieder. Vor mehr als zweieinhalb Jahrtausenden formuliert der Beter von Psalm 55: „In der Stadt sehe ich Gewalt und Hader, sie ist voll von Unheil und Mühsal. In ihr herrscht Verderben, Betrug und Unterdrückung weichen nicht von ihren Märkten.“ (Ps 55, 10 ff.) Jeden Tag erfahren wir aus den Medien über neue Gewalt. Die Bereitschaft zur Gewalt nimmt zu, im privaten Bereich, in den Beziehungen der Menschen, in der Familie: es gibt geprügelte Kinder, geschundene Fragen. In den Schulen ist ein wachsendes Potential an Gewaltbereitschaft zu beobachten. Das kann sich in einer sehr subtilen Weise zeigen, wie man einen anderen fertig macht, bis hin zur brutalen Art, sich mit Fäusten und Schlagstöcken das Recht des Stärkeren zu verschaffen. Gewalt ohne Ende Im öffentlichen Leben unseres Landes erleben wir beschämt, wie Gewalt gegen Ausländer, Asylanten und alles Fremde angewandt wird - oft unter schweigender und offener Zustimmung der Beobachter. Dazu kommt unübersehbar das traurige Schauspiel, wie mit Gewalt und Krieg unter den Völkern Probleme gelöst werden sollen. Denken wir an das ehemalige Jugoslawien, Tschetschenien, Afghanistan, Irak... Die Liste könnte verlängert werden. Denken wir an das Heilige Land, das unserer besonderen Sorge anvertraut ist: Menschen werden aus ihrer Heimat vertrieben, ihrer Menschenwürde beraubt, auf bestialische Weise ermordet, selbst Frauen und Kinder. Im Land Jesu gilt nicht einmal mehr das Gesetz „Auge für Auge, Zahn für Zahn“, das der maßlosen Rache eine Grenze setzen wollte. Auf jeden Schlag folgt ein doppelt so großer Gegenschlag - eine Spirale des Todes, die letztlich alles Leben vernicht wird. Mitten hinein in diese Welt voller Gewalt stellt Jesus seine Botschaft vom Gewaltverzicht: Du sollst nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. Halte einem, der dich auf die rechte Wange schlägt, auch die linke hin. Wir aber sagen unseren Kindern: Schlag zurück, wenn du geschlagen wirst. Wehr dich deiner Haut. Nur so kannst du in dieser Welt leben. Wir nehmen es nicht hin, wenn der liebe Nachbar böse über uns redet. Beim Klatsch über andere machen wir kräftig mit und decken alle Dunkel- und Schwachstellen der anderen auf - egal ob jemand auf der Strecke bleibt oder nicht. Wir sagen: Wer nicht die Stirn bietet, kommt zu kurz, gerät unter die Räder. Wer sich nicht selbst behauptet, verwirklicht nicht sich selbst und verkümmert in seiner Person. Wer hat Recht: unsere Erfahrung oder die Weisung Jesu? Was bringt Tod und was bringt Leben? Jesus handelte so: Vor Pilatus stellt er klar: „Ich bin ein König.“ Bei der Geißlung fragt er: „Warum schlägst du mich?“ Das Verhalten Jesu zeigt, dass unser Selbstwertgefühl nicht preisgegeben werden muss. Jesus selbst kann in der Diskussion mit seinen Gegnern hart ins Gericht gehen, er nimmt den Strick und reinigt den Tempel. Sein Verhalten hat nichts mit Duckmäusigkeit zu tun, die schwach und apathisch alles durch gehen lässt. Aber am Kreuz betet er für seine Feinde: „Vater, vergib ihnen...“ Liebe schluckt nicht alles. Sie darf sich wehren um der Wahrheit willen. Liebe erleidet aber auch Unrecht. Sie vertraut in der Ohnmacht der Kraft Gottes. Nur so kann die Spirale der Gewalt gebrochen werden. Jesus weiß, dass uns das „Zahn für Zahn und Auge für Auge“ und die Eskalation darüber hinaus im Blut liegen. Dafür will er ein Gegengewicht setzen und beschreibt es provozierend mit dem Wort, „die andere Wange hinhalten.“ Wir sollen dem Vergeltungstrieb entgegen steuern und uns mühen, die Richtung unseres Herzens zu ändern, nicht auf Vergeltung, auch nicht auf maßvolle Vergeltung, sondern auf Versöhnung hin. Das heißt konkret zum Beispiel: Dem sprichwörtlich „bösen Nachbarn“ seine Feindseligkeit nicht übel nehmen und ihm trotzdem freundlich begegnen. Für die Kinder da sein, auch wenn sie die Tür des Hauses hinter sich zugeknallt haben. Sich immer wieder zum fremdgewordenen Lebenspartner auf den Weg machen. Das hat nichts mit Schwäche zu tun, das ist Stärke. Das ist der „neue Weg“ wie sich in der Apostelgeschichte (Apg 9,2) die ersten Christen selbst nannten. Das ist der „neue Weg“ den Jesus zeigt, auf dem die Welt zum Leben kommen kann und sich nicht selbst zerstört. Der neue Weg Jesus zeichnet diesen „neuen“, seinen Weg in scharfen, gut lesbaren Konturen. Was er will, ist jedem verständlich und klar. Wenn wir ihm folgen wollen, müssen wir diesen „neuen Weg“ gehen. Es ist der Weg der Liebe. Aber Liebe ist nicht „Leben nach Vorschrift“, Liebe ist mehr. Das müssen wir in unserem Leben zeigen. Wenn wir gesehen werden wollen mit unserem Zeichen der Erlösung, mit dem Kreuz, dann müssen wir es machen wie Jesus: Wir müssen in unserem Leben und Verhalten eindeutig sein und keine Wünsche an Klarheit offen lassen. Wenn nicht Gewalt, Krieg und Tod herrschen sollen, dann ist es notwendig, dass es Menschen gibt, die etwas davon begriffen haben, dass in der Welt nicht dadurch mehr Platz für das Leben entsteht, dass alle immer nur das Nötigste tun - also mit den Worten der Bergpredigt gesagt: Wenn alle immer nur ihre Schwestern und Brüder grüßen und das andere und Fremde nicht beachten, wenn Gottes Sonne über der Welt aufgehen soll, dann muss es Menschen geben, die die dunklen Wolken davor wegschieben. Es braucht Menschen, die das Besondere tun, nicht nur das Normale. Sonst geht der Teufelskreis von Angriff und Gegenangriff, von Armut und Reichtum, von Gewalt und Angst endlos weiter. Die Frauen und Männer des Ritterordens vom Heiligen Grab sind nichts Besonderes, aber sollen etwas Besonderes tun. Selbstverständlich müssen wir, wenn wir versuchen aufrecht nach dem Evangelium zu leben, damit rechnen, dass wir auf Unverständnis stoßen. Es ist nicht einfach, Licht der Welt, Salz der Erde zu sein, der Gewalt und Gewaltlosigkeit zu begegnen und die Feinde zu lieben. Unsere Ordensgemeinschaft hat es in den vergangenen Jahren mehr als einmal erlebt, dass wir durch unser Engagement für das Heilige Land nicht nur gelobt, sondern auch verlacht, verachtet und verleumdet wurden. Aber Reden allein genügt nicht. Das würde uns unglaubwürdig machen. Wir müssen den „neuen Weg“ Jesu gehen. Nur so werden wir der Tatsache gerecht, dass wir im begonnen Reich Gottes leben und unterwegs zum Leben sind. Amen. |
Aktuelles
Vatikan-Newsletter Nr. XIX erschienenDie Juni-Ausgabe des Vatikan-Newsletter enthält eine Botschaft des Kardinal-Großmeisters und Berichte. Frühjahrsinvestitur in Hamburg mit über 700 TeilnehmernDie Deutsche Statthalterei des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem hielt vom 21. bis 23. Mai 2010 ihre Investiturfeier in Hamburg ab. Komturei Essen besteht 50 JahreMit einem Pontifikalmat im Essener Dom feierte die Komturei St. Thomas Morus in Essen am Sonntag, dem 10. Mai 2010 ihr 50jähriges Bestehen. |