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Investituren
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Predigt von Cfr. Weihbischof Manfred Melzer anlässlich der Investitur in Köln am 18. Mai 2003Den Abschlussgottesdienst der Investitur feierte am 18. Mai 2003 Cfr. Weihbischof Manfred Melzer. Seine Predigt war die Aufforderung, am Bau einer neuen Welt mitzuwirken.
Es gibt Worte, die gehen mit einem durchs Leben – mal als Trost, mal als Mahnung. In Lesung (1 Joh 3,18-24) und Evangelium (Joh 15,1-8) finde ich beides. Tröstung finde ich im Wort der Lesung, dass Gott größer ist als mein Herz, Mahnung im Wort Jesu, dass ich ohne ihn nichts tun kann. Kurz, knapp und irgendwie endgültig mit dem Anspruch der Gewissheit stehen sie da. Aber das ist ja nur die eine Seite. Hier in St. Kunibert zusammen mit Ihnen und in Dankbarkeit für die gemeinsam verbrachten Stunden der Kölner Investiturfeiern unserer Statthalterei finde ich darin auch mein Genügen. Ich bin dankbar. Ich weiß auch, was hier gilt: Dass, wer dieses Haus betritt, es tut, um Gott zu ehren, und dass, wer es verlässt, um die Menschen zu lieben. Und natürlich will die Welt geliebt werden, sie wollte es immer schon – aber von uns? Sind wir da sicher? Und wenn aus tausend Gründen und Emotionen nicht von dir und von mir, dann wenigstens von Jesus? Mich hat tief erschüttert, als ich im letzten Jahr bei L. Brunelli in einer Einladung zur Lektüre Péguys folgendes las: "Der wahre Fluch der modernen Welt ist der Verdacht Jesus Christus gegenüber. Der Verdacht, er bedeute nicht das wahre und dauerhafte Glück der Menschen, sondern sei im Grunde nichts weiter, als eine zusätzliche Belastung, etwas das den Menschen zum Sklaven macht." Ich war erschüttert. Und ich musste gestern an diese Worte denken, als wir in einer schier nicht enden wollenden Prozession in den Hohen Dom einzogen. Nicht, dass ich mir den Kopf zerbrochen hätte, wie stark oder schwach unsere Außenwirkung gewesen sein mag – das kann ja bestenfalls ein zweites oder drittes sein – sondern wie es um uns steht. Ob wir in unserem Orden auch ohne Prozession Überzeugte sind. Überzeugt, dass, wer mit uns zieht, es tut, nicht weil er weniger leben will, sondern mehr leben will; nicht weil er weniger lieben will, sondern weil er mehr lieben will; wissend, dass wir nicht die besten sind, aber dass wir unseren Weg gehen für die beste Botschaft der Welt – mit Christus in Freiheit, gebunden ja, aber nicht als Sklaven. Keine frommen Ausflüchte Unübersehbar tragen unsere Mäntel auf der Herzseite das leuchtende Rot des Jerusalem-Kreuzes auf schwarzem oder weißem Grund. Es ist unser Bekenntnis. Jeder von uns hat bei seiner Investitur feierlich gelobt, sich "jederzeit zu unserem Christsein zu bekennen und unser Leben danach auszurichten". Wir alle kennen die Deutung dieses Jerusalem-Kreuzes, wissen, dass es auf unserer eigenen Herzseite an die fünf Wunden Jesu, an eine gekreuzigte, eine erlittene Liebe erinnert. Erinnern ist gut. Erinnern ist heute vielleicht nötiger denn je, doch ob wir in der Wahrheit und Gnade Gottes stehen, kann man nicht auf Kleidern festnähen. Es entscheidet sich allein an der Liebe zu Gott, an der Bruderliebe und an dem Frieden, den wir mit uns selbst haben. Daran sich zu erinnern, mahnt uns in der Lesung der 1. Johannesbrief: "Meine Kinder, wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit. Daran werden wir erkennen, dass wir aus der Wahrheit sind und wir werden unser Herz in seiner Gegenwart beruhigen. Denn wenn das Herz uns auch verurteilt – Gott ist größer als unser Herz und er weiß alles" (1 Joh 3,18-20). Dieses Gotteswort mahnt uns nicht nur, es fordert uns heraus. Denn wir feiern diesen Abschlussgottesdienst nicht mit Stolz geschwellter Brust, nicht als Erbauer einer neuen Welt. Die neue Welt – wir Menschen bauen sie nicht! Wie niemand sonst auf dieser Erde, wenn wir wirklich "aus der Wahrheit sind", wissen wir Christen um unsere Gebrochenheit. Darum auch hat die christliche Hoffnung eine so harte Kontur, eine so deutliche Unterscheidungsmarke, die uns nicht selten den Vorwurf einbringt, wir würden die Erde verraten, weil wir zum Himmel schauen. Doch niemals dürfen wir aus dem Elend der Welt fromme Ausflüchte suchen! Als Christen wissen wir, dass unsere Kraft – auch die Kraft zum Frieden, unter dem diese Kölner Tage in besonderer Weise standen – nicht aus uns kommt, sondern aus Gott. Darum, so bekennen wir, hat Gott seinen Sohn an den Schandpfahl hängen lassen, darum bleibt das Kreuz das größte Hoffnungszeichen bis heute. Gott selbst hat diese Unterscheidungsmarke aufrichten lassen. Er hat dieses Zeichen uns gleichsam ins Fleisch getrieben, damit wir spüren, wo allein Vergebung und Rettung zu finden sind. Erkennen, dass wir aus der Wahrheit sind, hat nach dem 1. Johannesbrief zwei besondere Merkmale: 1. Dass wir unser Herz in der Gegenwart Gottes beruhigen dürfen. 2. Das wir dies dürfen, selbst wenn das eigene Herz uns verurteilt. Legen wir diese Worte nicht achtlos als frommes Gerede beiseite. Sie sind eine Revolution! Sie sind die Frucht einer Liebe, die aus allen Wunden blutete, damit wir auch dann nicht verzweifeln müssen, wenn unser eigenes Herz uns anklagt. Nicht immer ist uns bewusst, dass, wenn wir vom Kreuz sprechen, wir vom Drama des Gerichtes Gottes sprechen, unter dem wir alle stehen. Das Drama des Gerichtes Gottes kennt freilich keine Logenplätze für unbeteiligte Zuschauer und selbstgefällige Betrachter. Vom Gericht Gottes können wir nur in einer Betroffenheit reden, die angesichts dessen, was Menschen tun oder zulassen, jeden zutiefst erschrecken muss. Was ist nicht alles möglich? Uns Menschen möglich!? Neue Tapferkeit Die Abgründigkeit des Menschen, seine Fähigkeit, Furchtbares zu tun, vom Menschen zum Monster zu werden, kommt uns in ihrem Ausmaß erst dann richtig ins Bewusstsein, wenn wir sie als unsere eigene Abgründigkeit erkennen. Nicht hochmütig also sind wir durch diese Tage gegangen, haben unsere Mäntel umgelegt und die Wundmale Jesu auf unsere Herzseite gelegt. Aber wie denn? Demütig? Vielleicht! Vielleicht aber in einem ganz neuen, zumindest aber überraschenden Sinn, tapfer. Tapfer, in dem Sinne, wie sich seit undenklichen Zeiten die Kirche versammelt, wenn sie ein Konzil abhält und gemeinsam jeden Tag mit folgenden Worten beginnt: "Adsumus, Domine Spiritus Sanctus.“ Hier sind wir, Herr, heiliger Geist, hier sind wir, beladen mit ungeheuren Sünden, doch in deinem Namen versammelt. Komm in unsere Mitte, sei uns zugegen, ergieße dich mit deiner Gnade in unsere Herzen! Lehre uns was wir tun sollen, weise uns wohin wir gehen sollen, zeige uns, was wir wirken müssen ... Lass nicht zu, dass wir durcheinanderbringen, was du geordnet hast. Unwissenheit möge uns nicht irreleiten, Beifall der Menschen uns nicht verführen, Bestechlichkeit und falsche Rücksichten uns nicht verderben. Deine Gnade allein möge uns binden an dich. Binden an dich...? Im Evangelium hörten wir die Worte Jesu: "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen. Wer nicht in mir bleibt wird wie eine Rebe weggeworfen und sie verdorrt. Man sammelt die Reben, wirft sie ins Feuer und sie verbrennen ( Joh 15,6). Um eine neue Tapferkeit also geht es, wenn wir nicht verdorren und verbrannt werden sollen. Eine Tapferkeit, die nicht nur Furchtlosigkeit vor anderen bedeutet, sondern eine Tapferkeit, die damit zu tun hat, dass man sich selbst gegenüber ehrlich ist, in den Spiegel schaut, auch wenn es wehtut. Tapfer ist, wer seiner eigenen Schwäche bewusst, sich einsetzt für das, woran er glaubt und was ihm wichtig ist. Und vor dem, der alles weiß, müssen wir es auch aussprechen. Wir sind uns unserer Verwundbarkeit bewusst, die bis in die eigenen Überzeugungen hineinreicht. Wir wissen, dass wir ein Leben lang ringen müssen um die Wahrheit des Lebens, auch um die Wahrheit des Glaubens. Wir müssen Entscheidungen treffen, um Ja und Nein sagen zu können, damit wir nicht im Unverbindlichen bleiben, sondern eine Schneise schlagen für Christus, für die Kirche. – Für die Kirche? Ja, für die Kirche. Denn der Herr hat sie gewollt, er hat sie geliebt, er liebt sie immer noch. Im Dschungel tausend anderer Antworten müssen wir zu unseren Entscheidungen und Werten stehen, auch wenn sie bestritten oder belächelt werden. Wir haben Zeugnis abzulegen für das, was uns als Ordensdamen und Ordensritter im Tiefsten trägt und wer der einzig Wahre und Gute ist, auf den wir alle unsere Hoffnungen setzen. Nur dann verdorren wir nicht. Nur dann werden wir nicht verbrannt. Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil bekennen wir, dass der Friede "niemals endgültiger Besitz" ist, "sondern eine immer wieder neu zu erfüllende Aufgabe" (GS 78). Dieser täglich neu zu erringende Friede ist uns in Beruf und Familie im privaten wie im öffentlichen Leben aufgegeben. Unserem Orden ist besonders die Sorge um den Frieden am Heiligen Grab und im ganzen Heiligen Land als materielle und spirituelle Verpflichtung aufgetragen. Lasst uns darum nicht mit der Ausrede auseinandergehen, es sei alles so schrecklich und uns seien die Hände gebunden. Solange wir die Hände falten können und um den Frieden für die gequälten und missbrauchten Menschen im Nahen Osten bitten dürfen, sind wir den Brandstellen der irdischen Heimat Jesu nahe. Es ist wahrlich genug zu tun, vielleicht gerade deshalb, weil wir es allzu oft vergessen haben. Amen. |
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