Predigt von Erzbischof Dr. Robert Zollitsch (Freiburg) anlässlich der Frühjahrsinvestiturfeier am 6. Mai 2007 in Karlsruhe

Liebe als Markenzeichen der Christen


Liebe Schwestern, liebe Brüder in der Gemeinschaft des Glaubens,
liebe Ritter vom Hl. Grab in Jerusalem,
werte Consorores et Confratres,

„Zum Glück gibt es das nicht, was sich etwa 80 % der Menschen unter Liebe vorstellen“, so hat es der Philosoph Josef Piper einmal formuliert und dabei mit seiner provozierenden Behauptung den Finger durchaus in die Wunde gelegt. Denn in der Tat ist kaum ein Begriff so schillernd und unterschiedlich gebraucht wie das Wort ‚Liebe’.
Mit der rhetorischen Frage „kann denn Liebe Sünde sein?“ wird so manches Fehlverhalten zugedeckt, ganz gleich ob es um das angeblich freie Verhalten Jugendlicher oder um den Bruch der Treue in der Ehe geht. Aber auch davon abgesehen ist ‚Liebe’ ein vielschichtiger Begriff. Von Vaterlandsliebe ist genauso die Rede wie von der Liebe zu einem Sport- oder Fußballverein, was ja hier in Karlsruhe nach dem Aufstieg des KSC gut nachvollziehbar ist. Wir wissen um den hohen Wert  der Nächstenliebe. Sie wird gerne mit der christlichen Liebe gleichgesetzt, was zwar nicht falsch ist, aber doch zu kurz greift. Denn es wird leicht übersehen, dass auch und gerade im christlichen Glauben der Begriff der Liebe mehr besagt und umfasst, als allein die Liebe zum Nächsten, so zentral sie in unserem christlichen Glauben auch ist. Papst Benedikt in seiner Enzyklika „Deus caritas est“ eindrucksvoll dargelegt.
Dass die Liebe einen ganz zentralen Grundzug unseres christlichen Glaubens darstellt, zeigt uns das heutige Sonntagsevangelium, das wir soeben gehört haben, in aller Klarheit. Überdeutlich schreibt es uns der Herr selbst in die Stammbücher: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe.“ Ein klares Wort Jesu, Auftrag und Herausforderung für uns. Jesu Verhalten wird zum Maßstab für uns. Seine Liebe ist unser Markenzeichen als Christen.
Doch was ist dann unter dieser Liebe zu verstehen? Wie kann es uns gelingen, dieses Markenzeichen mit Inhalt zu füllen, dass es bei uns nicht auch zu einer Worthülse, einem Schlagwort verkommt, das in die Bedeutungslosigkeit führt?

Jesus selbst, sein Leben, führt uns zur Antwort auf diese Frage. Durch sein Wirken hat er uns Beispiel gegeben. Wenn wir als Christen leben wollen, steht er selbst als Herausforderung und Wegweiser vor uns. An ihm können wir uns orientieren, an seinem Beispiel anzuknüpfen, denn: „Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid; wenn ihr einander liebt!“ (Joh 13,35)
Allen Christen gilt dieser Auftrag Jesu, vielleicht in besonderer Weise aber uns, die wir uns als Ritter vom Hl. Grab in Jerusalem mit den Stätten des Lebens und Wirkens unseres Herrn in besonderer Weise verbunden wissen. Die Liebe, die uns Jesus Christus vorgelebt hat, ist überaus groß, faszinierend und erschreckend zugleich. Versuchen wir daher, sie in unseren Alltag zu übersetzen, indem wir einige Aspekte dieser Liebe herausgreifen, im Wissen, stets nur ein wenig von dem  ansprechen zu können, was Jesu Liebe bedeutet.

Die Liebe Jesu ist eine verzeihende Liebe. Er schenkt sie jedem Sünder, der sich ansprechen lässt und zur Umkehr bereit ist. Sei es Zachäus, sei es die Ehebrecherin oder seien es die vielen Menschen, die von ihm geheilt werden. Stets und immer neu ist Jesus bereit, zu vergeben und zu verzeihen. Er lebt es uns vor und zeigt es uns an: diese verzeihende Liebe ist Grundlage für unser menschliches Zusammenleben.
Wir sehen es als Ritter vom Hl. Grab und als diejenigen, die bewusst für die Christen im Hl. Land Verantwortung tragen, wenn wir auf das Miteinander und das Nebeneinander der verschiedenen Religionen und Kulturen in Israel und Palästina – und auch darüber hinaus – schauen. Ich war tief erschüttert, als wir im Rahmen der Bischofskonferenz dieses Frühjahr in Israel waren und dort in Kontakt traten mit den jeweiligen Verantwortlichen auf israelischer und palästinensischer Seite. Eine Sehnsucht nach Frieden ist auf allen Seiten deutlich zu spüren: Doch wie schwer ist es, aus der Spirale von Gewalt und Gegengewalt auszubrechen! Wie viel Mut erfordert es, hier zur Vergebung von erlittenem Unrecht und zur Versöhnung aufzurufen. Wie ungeheuerlich erscheint da die Botschaft einer Liebe, die mit dem Verzeihen beginnt. Aber auch wie unersetzlich! Es gibt dazu keine andere Wahl. Und es war zu spüren, wie sehr es gerade in dieser häufig auszumachenden Unversöhnlichkeit darauf ankommt, dass wir Christen alles in unserer Macht Stehende tun, um Wege aus der oftmals unbarmherzigen Realität zu finden. Das sollte, wie ich meine, auch für unser Engagement im Hl. Land die Frage mit der höchsten Priorität sein: Wie diejenigen Kräfte gestärkt werden können, die bereit sind, zu verzeihen, bzw. wie ein Geist wachsen kann, der zu einem Klima des Vergebens führt.
Eine Haltung, die wir allerdings keineswegs nur im Hl. Land brauchen, sondern die es auch bei uns, in unseren Familien, in unserem Umfeld zu leben gilt. Denn auch wir merken, wie schwer es ist, nach erlittenem Unrecht anderen zu verzeihen – oder eigene Schuld zuzugeben und damit den Weg zur Vergebung zu öffnen. Wo wir es an uns selbst erfahren, wie schwer, aber auch wie beglückend und bereichernd es ist, zu verzeihen und Verzeihung zu erfahren, dort können wir anderen dabei helfen.

Ein anderer Grundzug der Liebe Jesu ist die Opferbereitschaft. Die Liebe, die Jesus uns Menschen gegeben und vorgelebt hat, führt ihn bis hin in den Tod. Er ist bereit, alles zu geben, sogar sein Leben, um uns Menschen die Liebe zu zeigen, die er uns schenkt. Wenn wir an ihm Maß nehmen, dann wird sich auch unsere Liebe fragen, ob sie dazu in der Lage ist, nicht nur den eigenen Vorteil zu suchen, sondern auch zu verzichten. „Alles Große in unserer Welt geschieht nur, weil jemand mehr tut als er muss.“ So hat es der Gründer der SOS-Kinderdörfer, Hermann Gmeiner, uns allen ins Stammbuch geschrieben. Opferbereite Liebe wächst dort, wo er etwas tut nicht um des eigenen Vorteils willen, sondern für einen anderen. In der Existenz für den anderen werden wir selbst beschenkt, wird das eigene Leben sinnerfüllt und seinerseits bereichert, ohne dass dies dabei die Absicht des Handelns gewesen wäre. Dort, wo aus der Haltung der Liebe heraus ein Opfer, ein Verzicht gebracht wird, dort entsteht ein ‚Mehrwert’ des Lebens, der vorher undenkbar erschien.
Wir diskutieren dieser Tage viel darüber, weshalb es in Deutschland zu wenige Kinder gibt. Und es wird alles getan, dass der Verzicht, den Eltern zu bringen haben, um ein Kind aufzuziehen, möglichst gering gehalten wird. Denn, das wurde von der öffentlichen Meinung als vermeintliche Hauptursache ausgemacht, dass es zu sehr mit Verzicht auf den eigenen Lebensentwurf verbunden sei, Kindern das Leben zu schenken.
Sicherlich gibt es auf dem Gebiet der Kinderbetreuung, gerade für Alleinerziehende, einiges zu tun. Tiefer greift es allerdings, wenn die Erkenntnis wächst, von der mir eine Mutter berichtete: ‚Ja, es war für mich ein Verzicht, nicht zu arbeiten als die Kinder klein waren’, so diese Mutter. ‚Aber es war die schönste Zeit meines Lebens, für meine Kinder da sein zu können.’

Liebe Schwestern, liebe Brüder,
da wo wir bereit sind, aus Liebe heraus Opfer zu bringen, kann Großes wachsen und entstehen. Diese Mutter hat das im Rückblick auf ihre eigene Lebensentscheidung wahrnehmen dürfen. Ich bin mir sicher, dass ein jeder und eine jede von uns Beispiele aus der je eigenen Lebensgeschichte dazulegen könnte.
Wir alle wissen, liebe Schwestern und Brüder, was für die Liebe untereinander gilt, das gilt in besonderer Weise auch für die Gottesliebe bzw. den Glauben. Auch diese will gepflegt sein und verlangt den Verzicht. Auch in ihr werden wir, durch die Bereitschaft, aus Liebe zu verzichten, letztlich tief bereichert.
Menschen, die nur dann nach Gott rufen, wenn sie weder ein noch aus wissen, die nach ihm schreien, wenn ein Unglück passiert ist, sind oftmals enttäuscht, weil sie keinen Halt finden. Andere, die das treue Gebet gesucht haben, die bereit waren um des Glaubens willen zu verzichten, finden in ihrer Not im Gebet viel häufiger Hilfe. Ich weiß, dass es darin keinen Automatismus gibt, doch zeigt sich darin doch eine Erkenntnis: Ich kann den Glauben nicht nur dann leben, wenn ich ihn brauche. So wie Gott selbst bei seiner Hingabe am Kreuz nicht gefragt hat, ob er es braucht, sondern wie er aus Liebe gehandelt, dieses Opfer gebracht hat, weil wir Menschen es brauchen. Genauso sind wir gerufen, in der Liebe zu Gott uns hinzugeben und uns ihm anzubieten. Auch hierin gilt: Dadurch kann das Große entstehen, das uns verheißen ist.

Ich darf, liebe Schwestern und Brüder, auf einen dritten Grundzug der Liebe Christi hinweisen: Was Jesus uns vorgelebt hat, ist rücksichtsvolle Liebe. Die Liebe, die Jesus durch sein Handeln uns lehrt, ist geprägt von Rücksicht und Einfühlungsvermögen in den anderen. Dort, wo die Menschen in seinem Umfeld kaum oder wenig Verständnis füreinander haben, dort führt er diejenigen, die mit ihren altbekannten – aber oftmals wenig liebevollen – Argumenten kommen, weiter. Ob es darum geht, sich für ausgegrenzte Menschen oder ganze Volksstämme wie etwa die Samariter einzusetzen, oder ob es ‚nur’ darum geht, das Verhalten eines anderen wert zu schätzen, wie beispielsweise im Gespräch der beiden Schwestern Maria und Martha. Die Bereitschaft, den anderen zu lieben, führt bei Jesus unabänderlich dazu, sich in die jeweils andere Person hineinzudenken und ihr Verhalten daraus zu erklären. Dabei heißt er keineswegs alles gut. Jesus kann gezielt und klar in die Entscheidung rufen, wie das Brüderpaar Petrus und Andreas oder etwa den jungen Mann, den er auffordert, seinen Besitz zurückzulassen. Stets aber ist die Liebe Jesu von großer Wertschätzung und Einfühlungsvermögen in die je verschiedene Lebenssituation der Menschen geprägt.
Wer meint, dass dies eine Selbstverständlichkeit sei, der möge sich – nachdenklich und besinnlich – selbst überprüfen. Auch hier gilt wieder: wie schwierig ist es, sich in den anderen hineinzuversetzen! Wie einfach hingegen, das beim anderen vorauszusetzen, was einem selbst angenehm ist und in den eigenen Plan passt! Wirkliche Liebe aber lebt dort, wo wir den anderen nicht benutzen, sondern ihn stärken. Wo die Freundschaft nicht allein durch Gemeinsamkeit entsteht, sondern durch Ergänzung und Bereicherung. Wie friedlich, wie frei könnten Menschen leben, wenn dieses Handlungsprinzip grundlegend sein könnte. Wir sind gerufen, ausgehend von Jesu Liebe, nach dieser Grundform der Liebe zu streben und dadurch die Welt zu verändern.

Liebe Schwestern, liebe Brüder,
in der Lesung hörten wir aus der Offenbarung des hl. Johannes von der Verheißung des neuen Himmels und der neuen Erde, davon dass Gott unter uns Menschen seine Wohnung genommen hat. Der Vollendung dieses Bildes gehen wir erst entgegen. Im Reich Gottes ist es bereits unter uns angebrochen und aufgebrochen. Es ist keineswegs nur ferne Verheißung, sondern immer wieder erfahrbar. An ganz vielen Orten wird dies deutlich, wo Menschen, von der Liebe Jesu bewegt, handeln, verzeihend und vergebend, bereit zum Verzicht, rücksichtsvoll in der Achtung vor den Mitmenschen. Ich bin dankbar für all das, was auf dem Weg hin zur Vollendung dieser Verheißung mitten unter uns geschieht und in besonderer Weise durch Sie, werte Ritter vom Hl. Grab. Sie zeigen durch Ihr Tun, was es heißt, aus dem Geist Jesu Christi heraus zu handeln. Ich bin davon überzeugt, dass diese Liebe ansteckend ist, dass, von ihr entzündet, weitere Menschen dazu angespornt werden, sich für Gott auf die je eigene Art und Weise in Liebe einzusetzen.
Tragen wir die Liebe Gottes weiter zu den Menschen, öffnen wir dieser Liebe immer neu unsere Herzen, damit wir Christen in der Welt daran erkannt werden und diese Liebe ganz und gar zu unserem Markenzeichen wird. Amen.

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