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Investituren
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Predigt von Bischof Rudolf Müller bei der Investitur in Görlitz am 6.10.2002![]() Zum Abschluss der Investitur fand der Sonntagsgottesdienst am 6. Oktober 2002 in der Kathedrale St. Jakobus zu Görlitz statt. Zelebrant und Prediger war der Bischof des kleinsten Bistums in Deutschland, Rudolf Müller. Das Stadtbild von Görlitz wird durch viele Türme beherrscht, unter ihnen nicht wenige Kirchtürme. Sie zeugen davon, dass Görlitz einmal eine christliche Stadt war. Doch heute ist sie es leider nicht mehr – das wissen wir. Die Zahl der Gläubigen, die die Kirchen am Sonntag zum Gottesdienst besuchen, macht nur einen Bruchteil der Bürger aus. So passen die vielen Gotteshäuser zwar noch gut in das Stadtbild hinein, gelten zum Teil als Träger hoher Kunst und Kultur, haben aber für die meisten Stadtbewohner ihre eigentliche Bedeutung, wozu sie einmal gebaut wurden, fast verloren. Könnte sich das Blatt auch wieder einmal wenden? Wir beobachten: immer dann, wenn sich etwas Notvolles ereignet, das die Menschen ängstigt und ratlos macht, werden Kirchen für sie wieder zu Stätten der Besinnung, des Trostes und des Gebetes. Dieses Verhalten zeigte sich vor einem Jahr. Als die Terroranschläge in den USA alle schockierten und in Angst versetzten, da kamen wieder viele Leute zu Friedensgottesdiensten in die Berliner Hedwigskathedrale oder in andere Kirchen, - fast wie damals vor der Wende. Auch Erfurt ist nach der furchtbaren Bluttat an Lehrern und Schülern dafür ein sprechendes Beispiel. So ähnlich geschah es auch immer wieder in der hundertjährigen Geschichte unserer Jakobuskirche, die heute ihren Weihetag begeht. Ihr hatte Gottes Vorsehung jedoch – so dürfen wir sagen – einen ganz eigenen Weg bestimmt. Es war ein Weg, den zu schildern ich von einigen Teilnehmern gebeten worden bin, eine Geschichte, die man sich nie hätte träumen lassen. Als zweites katholisches Gotteshaus nach der Reformation hatte sie einen sehr günstigen Standort in Görlitz – an einem erhöhten Platz mitten in der nach Süden hin expandierenden Stadt. Zunächst erfüllte sie aber nur den Zweck einer Filialkirche, angeschlossen an die nur wenige Jahrzehnte ältere Kirche zum Heiligen Kreuz in der Nähe der Altstadt. Erst nach dem Ersten Weltkrieg wurde bei ihr eine selbständige Pfarrei gegründet, die fortan mit der Muttergemeinde bis heute in einem regen Wettstreit steht. Die Kampfhandlungen Ende des Zweiten Weltkriegs trafen den Bau schwer. Wo sonst fast die ganze Stadt auf wunderbare Weise verschont blieb, haben Brandbomben die St. Jakobuskirche schwer beschädigt. Nach dem Krieg, im Zuge der Vertreibung vieler Millionen Deutscher aus den Ostgebieten, tat sich im Schatten des notdürftig reparierten Gotteshauses etwas Bemerkenswertes: Ein neues diözesanes Zentrum entstand. Wie kam es dazu? - Nach dem Tod des Kardinals von Breslau ließ sich, der vom Metropolitankapitel gewählte Bistumsverweser, Kapitelsvikar Dr. Piontek, in Görlitz nieder, um von hier aus den deutschgebliebenen Restteil der Erzdiözese Breslau westlich von Oder und Neiße zu verwalten. Das ist ein hochgradiges Diasporagebiet, mit einem verschwindend kleinen Anteil von 3 – 5% Katholiken. Die St. Jakobuskirche, in deren Nähe der hohe Prälat wohnte, nutzte er für seine Gottesdienste, worüber die „Jakobiner“ natürlich sehr stolz waren. Als er mit 80 Jahren die Bischofswürde erlangte, stellte man für ihn einen provisorischen Thronsessel auf; für die Diasporakatholiken galt „Jakobus“ damit schon wie ein kleiner Dom. So begann der unaufhaltbare „Aufstieg“ dieses Gotteshauses. Als unser kirchliches Gebiet 1972 vom Erzbistum Breslau losgelöst wurde und den Rang einer Apostolischen Administratur erhielt, durften wir unsere privilegierte Bischofskirche bereits „Pro-Kathedrale“ nennen, mit einem Bischofsthron und sogar einem echten Domkapitel. So wurde es nun auch Zeit, den Innenraum der Kirche umzugestalten, um den Pontifikalgottesdiensten besser zu genügen. Wer sie heute besucht, wird den Eindruck haben, dass der Bau innen und außen durchaus einer Kathedrale würdig ist. Die endliche Erhebung des Gotteshauses zu einer vollgültigen Kathedrale geschah 1994, als unser Gebiet durch den Heiligen Vater zum Bistum erhoben wurde. Unser Bistum ist mit knapp 50.000 Katholiken zwar das kleinste von Deutschland, aber wir brauchen uns deshalb nicht zu schämen. Immerhin wird unser Bistum durch zwei Besonderheiten geprägt: Einmal durch seine Herkunft, das Erzbistum Breslau mit seiner tausend jährigen Tradition, über die wir mit Recht stolz sind. (Das Brustkreuz und der Stab, die ich heute benutze, waren einst die Insignien von Kardinal Bertram, dem letzten deutschen Bischof des Erzbistums Breslaus; er war bis zuletzt auch Vorsitzender der Fuldaer Bischofskonferenz.) Zum anderen besitzt unser kleines Bistum als östlichste aller deutschen Diözesen unmittelbare Nachbarschaft zur katholischen Kirche in Polen. Darum sehen wir einen besonderen Auftrag, dessen Zeichen die Brücke in unserem Bistumswappen sein will. Brückenfunktion auszuüben, so wie es die hl. Hedwig von Schlesien tat, die von Andechs im Westen in das östliche Gebiet der Piastenherzöge kam, ist eine unserer wichtigsten Aufgaben, die wir nach unseren Möglichkeiten mit Kräften zu erfüllen suchen. Doch zurück zur St. Jakobuskirche. An ihrem heutigen Weihetag klingt wie eine Magna Charta für dieses Gotteshaus, was damals bei der Fertigstellung die Baukommission in ihrem Schlussprotokoll festhielt: „Möge die neue Kirche in Wahrheit ein Tempel Gottes sein, eine Zufluchtstätte für alle die mühselig und beladen sind, ein Zeichen des katholischen Bekenntnisses bis in die fernsten Jahrhunderte!“ Das sind Worte von tragender Bedeutung. Hinter ihnen kann man leicht die 3 Wesensaufgaben der Kirche erkennen: Liturgie, Diakonie und Verkündigungsdienst. Sie sind letztlich entscheidend dafür, ob Kirche lebt; sie sind Zeichen für jedes christliche Gotteshaus, sei es katholisch oder evangelisch, sei es eine Pfarrkirche hier oder in der weiten Diaspora, oder auch eine Kathedrale, wie St. Jakobus zu Görlitz. „Möge die neue Kirche in Wahrheit ein Tempel Gottes sein“ – so hatten die Begründer der Jakobus-Kirche geschrieben und am Schluss hinzugefügt: „... ein Zeichen des katholischen Bekenntnisses bis in die fernsten Jahrhunderte“. Aus diesen Worten klingt hochgemute Gesinnung. Freilich, dieser fromme Wunsch dürfte wohl kaum so in Erfüllung gehen. Auch ein Gotteshaus ist nicht für die Ewigkeit gebaut, selbst wenn es uns schon etwas vom himmlischen Jerusalem offenbart. Aber wenn wir als gläubige Christen uns bewusst bleiben, „Tempel des Heiligen Geistes“ zu sein, wenn wir uns bemühen, von unserem Glaubenszeugnis und unserer Hoffnung auf das zukünftige Heil den Menschen etwas zu vermitteln, - wie es auch der Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem auf seine Fahnen geschrieben hat, - dann wird auch der Lobpreis in unseren Gotteshäusern nicht so bald verstummen: „Herr, dich preisen wir, auf dich bauen wir, lass fest auf diesen Grund uns stehn zu aller Stund!“ Amen |
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