Investitur in Görlitz vom 4. - 6. Oktober 2002

Brücken bauen - Ritterschlag in Görlitz

Vom 4. bis 6. Oktober 2002 fand die erste Investitur in den neuen Bundesländern statt. Die Komturei Berlin hatte nach Görlitz eingeladen, ein Idyll an der Neiße.


 
Jeder kann Pontifex sein - das hat die Investitur in Görlitz bewiesen. Viele Brücken wurden in den kühlen Oktobertagen geschlagen, symbolisch und greifbar nahe. Aus den Geschichtsbüchern ist die Nachbildung des Heiligen Grabes von Görlitz bekannt, die Anlage in natura erlebt, hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Mitten im Häusergewirr der Görlitzer Altstadt erhebt sich das Abbild der Jerusalemer Topographie mit der Adams- und Kreuzkapelle und dem Heiligen Grab, errichtet zwischen 1481 und 1504. Einige Jahre vorher war ein gewisser Georg Emmerich aus Görlitz in Jerusalem und übermittelte seiner Vaterstadt die Distanzen der heiligen Stätten, die nachher in die Görlitzer Landschaft eingepasst wurden. Emmerich erhielt am 11. Juli 1465 am Jerusalemer Heiligen Grab den Ritterschlag der Ordensgemeinschaft.

Hoch waren Erwartungen und Fragen für jene, die in Görlitz vorbereiteten und für jene, die nach Görlitz aufbrachen. Wie viele würden kommen, wessen Kirche wird gewählt, welche (katholische) Infrastruktur kann genutzt werden? Jede Schätzung wurde übertroffen, denn mit einem Anmarsch von über 600 Ordensdamen und Rittern, Begleitung inklusive, hatte keiner gerechnet. Die erste Brücke dieser Investitur war geschlagen: Die Ordensgemeinschaft richtete ihren Blick nach Ostdeutschland; die neuen Bundesländer und die Komturei Berlin nahmen die Herausforderung zur Organisation dieses Großereignisses an. Weder unterspülte Bahnstrecken noch eine langwierige Anreise schreckten vor dem Bau dieser Brücke ab, der in Zukunft Wiederholung verdient. In den vergangenen Jahren durften wir bei unseren Investituren immer wieder Vertreter der deutschsprachigen Statthaltereien aber auch Franzosen und Engländer begrüßen. Görlitz ließ deutlich werden: Freunde gibt es auch im Osten und zwar nicht nur symbolisch, sondern tatsächlich. So kam es gleich am ersten Abend zum zweiten Brückenschlag, indem die Investiturteilnehmer auf der Görlitzer Stadtbrücke das polnische Neißeufer erreichten.

Sicherlich muss die polnische Regierung und ihre Mannen am Schlagbaum noch lernen, was reibungsfreie Grenzabfertigung als EU-Mitgliedstaat in spe bedeutet, aber die lange Wartezeit beim Brückensprung nach Polen wurde durch das geistliche Ereignis der Vigilfeier im polnischen Teil von Görlitz, Zgorzelec, aufgefangen. Die zeltförmige Kirche des heiligen Josef empfing Gäste und Gemeinde gleichermaßen, selbst der Diözesanbischof von Liegnitz, wozu Zgorzelec gehört, war gekommen: „Sie zeigen Solidarität mit den Notleidenden in Ihrem Orden, heute demonstrieren Sie Solidarität mit unserem Volk“, rief Bischof Tadeusz Rybak den Gläubigen zu. „Was hier heute Abend geschieht, inmitten Ihrer Feiern, ist ein Schritt echter Völkerannäherung.“ Daran erinnerte auch der Generalvikar des Görlitzer Bischofs, Cfr. Hubertus Zomack in seiner Begrüßung: „Was wir jetzt erleben, ist eine Grenzerfahrung. Wir sehen eine geteilte, altehrwürdige Stadt, die noch nicht die Patina des Vergessens angesetzt hat. Wir Christen tragen dazu bei, dass Freundschaft entsteht - eine andere Freundschaft als die zu DDR-Zeiten zwischen Ostberlin und Warschau. Die stand nur auf dem Papier, heute ist sie echt.“ Diese Freundschaft gelte es auch im Gebet zu finden, erinnerte Cfr. Prälat Bernd Richter in seiner Predigt. Das Gebet des Rosenkranzes sei eine Richtschnur, um Geborgenheit in Gottes Wort zu finden, es sei wie ein Geländer, an dem man sich auf den anderen zu orientieren könne.

Ökumenische Brücken

Görlitz, zu 20% protestantisch, zu wenigen Prozent katholisch und zu den meisten Prozent gar nichts, erfuhr einen weiteren Brückenschlag, den der Ökumene.
Weil die katholische Bischofskirche zu klein für die Investitur war, hatte die evangelische Stadtkirche St. Peter und Paul Gastrecht gewährt, keine Einmaligkeit, aber für diesen Anlass und in dieser Anzahl wohl eine Besonderheit. Die eindrucksvolle Hallenbasilika, ein lichtdurchfluteter Raum, war mehr als ein würdiger Gottesdienstort, sie wurde fast zum Symbol. Denn während es in einer evangelischen Kirchenzeitung eine polemische Einzelstimme gegen den katholischen Gottesdienst im evangelischen Kirchengebäude gab, sah sich der Bischof der Evangelisch-Schlesischen Kirche in der Oberlausitz, Klaus Wollenweber aufgefordert, zu reagieren: „In der Vielfalt der Meinungen, die wir zulassen müssen, kann ich mich nicht dieser Äußerung anschließen. Sie sind uns herzlich willkommen!“, hieß die ehrliche Antwort vor den zur Kapitelsitzung versammelten Ordensmitgliedern, die ebenfalls in St. Peter und Paul stattfand. Als „besonderes Ereignis in der Geschichte dieses Gotteshauses“ bezeichnete auch der evangelische Ortspfarrer die nicht alltäglichen Gäste in seiner Begrüßung zum eigentlichen Investiturgottesdienst.

Gleich drei Bischöfe waren anwesend: Neben Cfr. Bischof Walter Mixa, der den Großprior vertrat, feierten Bischof Rudolf Müller und sein emeritierter Vorgänger Bernhard Huhn den Gottesdienst mit. Ökumene in der Diaspora, Gastrecht für die eigene Liturgie im fremden Kirchenraum und ein Klima offener und ehrlicher Herzlichkeit können ganz einfach sein. Die evangelische Kirche in Görlitz hat das gezeigt.

Brücken zur Hoffnung

Die Investitur, bei der Bischof Mixa für einen engagierten Einsatz in Kirche und Gesellschaft trotz manchem Gegenwind warb, war der vierte Brückenschlag: Er zeigte, wie sehr unsere Gemeinschaft von neuen Mitgliedern abhängt. Eine Ordensdame und 18 Ritter wurden in den Orden aufgenommen, ihr Versprechen von allen gehört und ihre künftiges Engagement erwartet.

Aber der Freude stand auch das Leid gegenüber, weil 13 Ordensmitglieder seit der Würzburger Investitur ins Himmlische Jerusalem gepilgert sind. Dennoch: „Wir müssen auch Feste feiern können, um glaubensfrohe und hoffnungsvolle Menschen in dieser Welt zu sein“, hatte am Vorabend bei der geistlichen Einstimmung für die Kandidaten noch P. Otfried Reuter Kandidaten gefordert. Der festliche Abend in der Stadthalle, mit der Seltenheit einer glanzvollen Jugendstilorgel im Auditorium, war dafür das beste Zeichen. Cfr. Peter Patt, Sprecher der Neuinvestierten, brachte es auf den Punkt: Pionier und Siedler Christi müsse man als Ritter sein. Und er sprach Dank aus - der Komturei Berlin mit ihrem Leitenden Komtur Cfr. Franz Fassunke, dem Ortskomitee Görlitz mit Cfr. Wolfgang Thiemann und dem Präsidenten der Provinz Ostdeutschland, Cfr. Wilm Tegethoff. Mit Recht, kann man nur - selbst dankbar - anfügen.

Der Festabend hier und der Gottesdienst dort, alles einte der fünfte Brückenschlag: Die Sorge um die Menschen im Heiligen Land. Kollekten zeugten von Solidarität, Schilderungen zur Lage in der Region während der Kapitelsitzung sorgten für einen realistischen Blick. Der Spaziergang zum Heiligen Grab, ob in der Gruppe oder allein, ließ Jerusalem plötzlich - in Görlitz im Idyll eines Gartens friedlich verborgen - gegenwärtig werden. „Wir dürfen sie nicht vergessen“, war die eindringliche Botschaft von Görlitz. Das Brückenbauen war am Sonntag zuende, Bischof Müller hatte noch einmal an diese Verpflichtung erinnert. Er griff die erstgenannte Brücke auf, den Mut, auch in den Osten zu gehen: „Unser Bistum ist mit knapp 50.000 Katholiken zwar das kleinste in Deutschland, aber wir brauchen uns deshalb nicht zu schämen ... Unsere Diözese besitzt unmittelbare Nachbarschaft zur Kirche in Polen. Darum sehen wir einen besonderen Auftrag, dessen Zeichen die Brücke in unserem Bischofswappen sein will. Brückenfunktion auszuüben, so wie es die heilige Hedwig von Schlesien tat, ist eine unserer wichtigsten Aufgaben, die wir nach unseren Möglichkeiten mit Kräften zu erfüllen versuchen.“

Müller gab den aufbrechenden Investiturpilgern den Segen des Kirchenpatrons seiner Kathedrale mit, des heiligen Jakobus: „Seien Sie Pilger, gehen Sie mit guten Erinnerungen.“ Das taten wir und beim letzten Blick zurück auf die Stadt mit den ungezählten Türmen, in der wir verstanden haben, was die Neiße ist, was Menschen im Osten sorgt, und wie Ökumene gelingt, konnten wir nur noch sagen: „Danke Görlitz, wir haben gelernt, Brücken zu bauen.“

Cfr. Matthias Kopp

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