Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem

Der Glaube an Jesus Christus als eindeutige Orientierung - Predigt von Cfr. Bischof Heinz-Josef Algermissen, Fulda, im Dankgottesdienst anlässlich der Investitur am 17. Mai 2009 im Dom zu Fulda

Einer der weitsichtigen Kirchenleute der letzten Jahrzehnte war der Jesuitenpater und Soziologe Alfred Delp (1907-1945), der einen hohen Preis für seinen Widerstand gegen die Barbarei des Nationalsozialismus zahlen musste. In einem Vortrag am 22. Oktober 1941 in Fulda sagte er: „Wir sind ein Missionsland geworden. Diese Erkenntnis muss vollzogen werden. Die Umwelt und die bestimmenden Faktoren allen Lebens sind unchristlich.“ Daraus folgt für ihn die Einsicht, aus der Defensive heraus- zutreten: „Missionsland darf man nur betreten mit einem echten Missionswillen.“

Wie können wir also zu solch „echtem Missionswillen“, derartigen „missionarischen Schwerpunkten“ finden? Das ist die Frage. Eine brennende Frage sicher auch für unsere geistliche Gemeinschaft im Ritterorden.
Wir sind wohl all der Analysen und Diagnosen der Glaubens- und Kirchenkrise längst müde und suchen nach Therapie. Wo aber finden wir die Medizin?
Da es um das Evangelium Jesu Christi als probates Heilmittel geht, lade ich Sie ein, in die Schule eines großen Glaubenszeugen zu gehen, den wir in einem fuldischen Lied den „Glaubensvater“, den „Apostel der Deutschen“ nennen. Diese Einladung ist am Grab des Hl. Bonifatius und im Rahmen der Investiturfeier an diesem Ort nur konsequent. Seit Jahrhunderten suchen die Menschen in der Krypta unseres Hohen Domes neue Ausrichtung und Orientierung.

Als junger Mann im benediktinischen Geist in Exeter erzogen, begeistert sich Winfrid-Bonifatius für die Botschaft des Evangeliums. Nachdem er in verschiedenen Klöstern seines Heimatlandes segensreich gewirkt hat, fühlt er sich gedrängt, Anfang des 8. Jahrhunderts in den friesischen, sächsischen und thüringischen Missionsgebieten den Glauben zu verkünden.

Wäre es nicht endlich an der Zeit, so frage ich mich, diesen missionarischen Geist auch heute wieder zu entdecken? Dass wir nicht ängstlich und defensiv unsere Grenzen abstecken, uns etwa in die sakrale Nische unserer Tradition zurückziehen und den allgemeinen Niedergang beklagen, sondern selbstbewusst an die Öffentlichkeit gehen, bereit, „jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach dem Grund unserer Hoffnung fragt“ (1 Petr 3, 15).
Bekennermut ist heute in unserer Welt gefragt, nicht Indifferentismus, feige Gleichgültigkeit und Anpassung!

Bei allem missionarischen Eifer ist Bonifatius allerdings kein Heißsporn, der mit dem Kopf durch die Wand geht. Seiner Glaubensverkündigung liegt vielmehr ein Plan zugrunde ─ heute würde man vermutlich von Konzeption oder Strategie sprechen ─, der seiner benediktinischen Spiritualität entspricht. Er lässt es nicht dabei bewenden, im Heidenland zu predigen und zu taufen, er gründet zum Beispiel in Amöneburg 721, in Fritzlar 724 wie in Fulda 744 Klöster und Mönchszellen: Orte, an denen der neue Glaube le-bendig und anschaulich wird. In einer Zeit großer Umbrüche und tiefer Veränderungen schafft Bonifatius so Inseln der geistigen und geistlichen Stabilität.

Ich bin dankbar, dass wir solche geistlichen Zellen bis heute haben. Viele suchende Menschen klopfen dort an und bitten um Begleitung und Orientierung. Auch unseren Orden verstehe ich als solch geistliche Zelle in turbulenter Zeit. Und ich erwarte viel von ihm.
Ich bete dafür, dass sich immer mehr vom Geist Gottes neu ansprechen und begeistern lassen, sich am Evangelium grundsätzlich orientieren und so wirksamer Sauerteig unserer Gesellschaft werden. Es ist doch so: Nur Begeisterte können andere begeistern, nur selbst Überzeugte andere überzeugen.

Des Weiteren fällt mir an Bonifatius vor allem seine Standfestigkeit und Furchtlosigkeit auf. So sehr es ihm um die Gewinnung der Menschen für Christus geht, er biedert sich nicht an, schließt keine faulen Kompromisse. Wo es um die Substanz seiner Botschaft geht, ist er klar und unnachgiebig. Da lässt er es auf eine Machtprobe ankommen, da muss die Donar-Eiche bei Fritzlar gefällt werden, um unmissverständlich deutlich zu machen: Es darf neben dem einen Gott keine anderen Götter geben.

Eine Entscheidung für Gott und gegen die Götzen unserer Zeit ist auch heute eine Entscheidung gegen den Trend. Sie wissen, es ist nicht leicht, im Freundes- oder Kollegenkreis im Abseits zu stehen, weil man an der eigenen Glaubenspraxis, an christlichen Werten und Überzeugungen festhält.
Mir macht der Pragmatismus und Populismus große Sorge, mit dem in un-serer Gesellschaft, in Medien, Wissenschaft und Politik insbesondere das menschliche Leben an seinem Anfang wie an seinem Ende in Frage und zur Disposition gestellt wird. Ich sehe deutlich, dass das menschliche Leben an seinem Beginn wie an seinem Ende bedroht ist. Und zwar nicht nur beim Problem des Schwangerschaftsabbruchs, sondern auch aufgrund der bedenklichen Entwicklungen in der Gentechnik und Biomedizin. Man hat das Geschöpf vom Schöpfer und dessen Naturgesetzen gelöst und es zum Material gemacht. Das wird Konsequenzen haben, da werden wir uns noch wundern!

Noch ein Letztes können wir von Bonifatius lernen. Das hervorzuheben ist mir für unseren Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem besonders wichtig:
Dreimal ist Bonifatius nach Rom gereist. In vielen Briefen hat er immer wieder in Rom angefragt. Er lebte in enger Verbindung mit den Päpsten Gregor II. und Gregor III. Er band sich an die Institution des Papsttums ─ auch wenn es im 8. Jahrhundert wirklich kein Kinderspiel war, über die Alpen und durch unsicheres Land zu gehen. Wer sich solchem Weg aussetzt, wird zum Zeugen für den Nachfolger Petri. Das wird ihm bis heute von vielen übel genommen, besonders im protestantischen Bereich. Sie kritisieren ihn als Repräsentanten der römischen Amtskirche.
Aber ist gerade in einer globalisierenden Welt nicht umgekehrt eine im ei-genen Saft schmorende Kirche museumsreif? Bonifatius hat über den eigenen Zaun hinausgeschaut. Er hat die Kirche in unserem Land aus ihrer Isolierung befreit und sie mit der universalen Weltkirche verbunden. Er hat - so würden wir heute sagen - europäisch gedacht, war ein „Global Player“. Ein solches weltoffenes und im ursprünglichen Sinn des Wortes katholisches wie apostolisches Christentum brauchen wir heute dringend. Die Gemeinschaft mit dem Nachfolger des Hl. Petrus ist deshalb nicht etwa ein Handicap, sondern ganz im Gegenteil die eigentliche Stärke unserer Kirche, sie garantiert die Einheit.

Liebe Sorores und Confratres!
Der Glaube an Jesus Christus ist in vielen Menschen nicht mehr verankert. Bindungen werden aufgegeben, verbindliche Werte in Frage gestellt, Gebote lächerlich gemacht. Der Wind bläst uns ins Gesicht.
Da ist es für uns wichtig, eindeutige Orientierung zu finden, uns festzumachen am „Licht der Welt“ (vgl. Joh 8, 12), das uns Richtung, Führung und Maßstab schenkt. Suchen Sie bitte je neu die Nähe zu Jesus Christus und der Kirche. Bleiben wir in Seiner Liebe (vgl. Joh 15, 9) und erfüllen die Bitte des Herrn im heutigen Evangelium des 6. Ostersonntags, damit seine Freude uns erfüllt und unsere Freude damit eine tiefe Begründung findet (vgl. Joh 15, 10).

Die Welt hat sich seit der Zeit des Apostels der Deutschen grundlegend gewandelt, und sie ist in einem tiefen Wandel begriffen. Das Glaubensfundament, das er legte, ist aber bleibend gültig. Es ist das einzige, auf das wir unsere Zukunft bauen können. Die Freundschaft mit Jesus Christus, die uns Bonifatius vermittelte, trägt und hält uns, ist Stütze und Stärke. Sie ist unsere Freude und unser Glück. Und die Orientierung auf dem Weg in die Zukunft – für unseren Orden und für jede und jeden Einzelnen. Amen.

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