Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem

Zwischen Domberg und Predigerkirche - Herbstinvestitur 2008 in Erfurt

 

 

 

Zum dritten Mal in den neuen Bundesländern – nach Görlitz und Magdeburg – fand eine Investitur des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem in Ostdeutschland statt. Die Komturei Berlin hatte nach Erfurt eingeladen, wo im Jubiläumsjahr des Ordens die Herbstinvestitur vom 24. bis 26. Oktober 2008 gefeiert wurde.

Prozession zum Domberg

Es wehte ein kühler, spätherbst- licher Wind über den Domberg von Erfurt. Gut 800 Ordensmitglieder und ihre Angehörigen waren in die thüringische Landeshauptstadt gekommen, um die Investitur von 30 neuen Kandidatinnen und Kandidaten in den Ritterorden vom Heiligen Grab zu begehen. Die gastgebende Komturei St. Pius X. war sichtlich und zu recht stolz, dass so viele Damen und Ritter des Ordens nach Erfurt gekommen waren. „Vor 20 Jahren wäre es noch nicht vorstellbar gewesen, dass sich hier Mitglieder unseres Ordens in so großer Zahl und aus ganz Deutschland zur Investitur treffen würden“, stellte der Ltd. Komtur, Cfr. Dr. Bernhard Blaszkiewitz zufrieden fest. Zufrieden waren auch die Teilnehmer der Investitur, denn sie fanden ein gastfreundschaftliches Erfurt vor, das ganz den Geist der Heiligen Elisabeth von Thüringen atmet – noch im vergangenen Jahr hatte das Bistum Erfurt ihren 800. Geburtstag gefeiert und die Heilige ist präsenter in der Bevölkerung als man vielfach glauben mag. Neben Elisabeth ist es außerdem der Heilige Bonifatius, der dem Besucher in Erfurt häufig begegnet: Der Apostel der Deutschen gründete hier 742 n. Chr. das Bistum Erfurt.

Dankgottesdienst mit Bischof Dr. Wanke

Praktische Solidarität

Auf so viel Geschichte ging auch der Erfurter Bischof, Dr. Joachim Wanke, ein. In seiner Predigt während der Investiturtage erinnerte er an das karitative Wirken der Heiligen Elisabeth, die sich – unaufdringlich und effizient – den Ärmsten der Armen zuwandte. „Das gilt auch heute für die Mitglieder des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem, die – jeder auf seine Weise – den Ärmsten der Armen im Heiligen Land helfen“, so Bischof Wanke. Bereits in einem Grußwort hatte der Bischof betont, wie sehr in der Öffentlichkeit gerade heute die zwei Grundlinien des Ordens als geistliche Vorgaben sichtbar seien: in der Gemeinschaft der Grabesritter zu einem geistlichen Leben als Christ mitten in der Welt Anregungen und Hilfen zu geben und ferner zu praktischer Solidarität mit den Christen im Heiligen Land anzustiften. „Sicher muss man das Erscheinungsbild und die Aktivitäten des Ordens immer von den Rahmenbedingungen der jeweiligen Zeit her verstehen und würdigen. Wandlungen und Veränderungen sind in so langen Zeiträumen für Orden nichts Außergewöhnliches“, sagte der Erfurter Bischof. Gleichzeitig würdigte er die vielfältige Hilfe des Ordens im Heiligen Land. Durch eigene Anschauung und persönliche Reisen habe er sich vor Ort ein Bild davon machen können, wie die Hilfe ankomme: „Das ist Dankbarkeit, die in die Gesichter der Menschen eingeschrieben ist“, so Wanke.

Kandidaten vor der Investitur

Es waren die Tage geistiger Einkehr und ein eindrucksvolles Rahmenprogramm mit bewegender Musik, die Erfurt in bester Erinnerung bleiben lässt. Während der Investitur erklang die bekannte Krönungsmesse Mozarts, beim Pontifikalgottes- dienst am Sonntag war es die eher unbekannte „Missa Tertia“ von Lajos Bárdos. Dankbarkeit äußerten auch die Kandidatinnen und Kandidaten, die in den Orden aufgenommen wurden. Die geistliche Einstimmung am Vorabend der Investitur sei ein guter Wegbegleiter gewesen, um das Geschehen des eigentlichen Tages besser zu verinnerlichen. „Es ist ein Pilgerweg, den wir zur Investitur gehen. Und es ist gut, dass diesen Pilgerweg die Gebete aller Ordensangehörigen begleiten“, sagte einer der Neuinvestierten. Gemeinsam, so die einhellige Meinung bei den neuen Mitgliedern, wolle man gesellschaftliche Verantwortung als Ordensmitglied übernehmen. „Wir müssen unser Christsein nicht verstecken“.

Großprior Erzbischof Dr. Marx bei seiner Predigt

Lebendige Soziallehre

Dazu rief auch der Großprior des Ordens, Cfr. Erzbischof Reinhard Marx die Ordensmitglieder auf. Es müsse wieder darum gehen, stärker der Katholischen Soziallehre Beachtung zu schenken. „Niemand muss sündigen, um geschäftlich erfolgreich zu sein“, betonte Marx. Mit Blick auf die aktuelle Finanzkrise hob er hervor, dass es nicht möglich sei, das Paradies auf Erden zu schaffen. Dennoch gelte es alles zu tun, um Recht und Gerechtigkeit zu ermöglichen und Güte und Erbarmen zu bewirken. „Dazu zählt auch unser Einsatz für das Heilige Land. Hier realisieren wir Hilfe zur Selbsthilfe, hier baut man auf unseren ganz persönlichen Einsatz, um Gerechtigkeit im Land des Herrn den Menschen widerfahren zu lassen“, so der Großprior.

Statthalter Dr. Dickmann beim Empfang der Kandidatinnen und Kandidaten

Die Hilfe für die Christen im Heiligen Land nahm Statthalter Cfr. Dr. Heinrich Dickmann bei mehreren Gelegenheiten in Erfurt auf. Demnach werde die Stiftung der Damen und Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem bereits in wenigen Wochen formal und rechtlich legitimiert sein. Ein besonderes Augenmerk richtete der Statthalter auf die Pilgerfahrten des Ordens ins Heilige Land. „Der dringende Hilfsbedarf für die Werke des Lateinischen Patriarchats und die erforderliche Unterstützung der Christen müssen ein gut sichtbares Leitthema bei jeder Pilgerreise sein: Besuchen Sie Pfarreien und Einrichtungen des Patriarchats, um sich selbst ein Bild vom Zielort Ihrer Spende zu machen. Wenn Sie sehen, wo das Geld ankommt, kann das nur eine Wirkung sein, die sich bei Ihnen positiv festsetzt“, so der Statthalter auf der Kapitelsitzung in Erfurt. Eindringlich waren hier die Schilderungen zur Lage der Christen in Nahost. Die bevorstehenden Neuwahlen in Israel seien erneut Anlass zu größerer Hoffnung für alle Menschen. Der Reformkurs der Nachfolgerin Ehud Olmerts, Zipi Livni, zeige, dass Israel weniger auf Konfrontation als vielmehr auf Verständigung baue. Dennoch sei die Lage – besonders im Gazastreifen – dramatisch und wirke sich so auch auf die wenigen, dort verbliebenen, rund 1.000 Christen aus. „Die Politik darf dem Heiligen Land nicht gleichgültig gegenüber stehen“, hieß die klare Botschaft aus Erfurt. Darauf machte auch Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein aufmerksam. In einem Grußwort hielt er fest: „Der Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem leistet einen wichtigen Beitrag für Aufklärung und Toleranz zwischen allen Menschen, egal welcher Herkunft, welcher Nationalität und welchen Glaubens und trägt so maßgeblich zur Förderung des Friedensprozesses im Nahen Osten bei.“ Das sei gelebtes Christentum, so Bausewein, der hinzufügte: „Außerdem vermitteln Sie mit Ihrer Arbeit Menschen Halt und Sicherheit allein durch den religiösen Glauben. Dafür möchte ich Ihnen danken.“

Statthalter Dr. Dickmann beim Festlichen Abend

Geistliches Programm

Während der Investitur erinnerte der Statthalter vor allem an die geistliche Aufgabe der Ordensgemeinschaft. So sei die Heilige Elisabeth ein Vorbild auch für uns in unserer Zeit. „Sie hat die christliche Nächstenliebe gelebt und das wahr gemacht, was das Jahresthema unseres Ordens ist: ‚Wir wollen lieben in Tat und Wahrheit’“, so der Statthalter. Im kommenden Jahr wolle sich der Orden mit der Bitte aus dem 2. Korintherbrief beschäftigen: „Wir bitten euch an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen“. Es liege in der Verantwortung jeder Komturei, dieses Thema mit Leben zu füllen, so Statthalter Dickmann. Bemerkenswert war während der Investiturfeierlichkeiten in Erfurt die Selbstreflexion auf das vordergründig Unzeitgemäße des Ritterordens. In seiner Dankesrede machte der Vertreter der Neuinvestierten aufmerksam. Man könne denken, der Orden sei unzeitgemäß: „Zum einen ist das Pferd militärisch ganz aus der Mode gekommen, zum anderen leben wir zum Glück in einer egalitären demokratischen Gesellschaft. Gleichwohl gibt es auch in der Gegenwart weiterhin die Werte der Ritterlichkeit und eines inneren Adels der Gefühle und Taten. Der Begriff der Ritterlichkeit ist nach dem Verlust der politisch-gesellschaftlichen Rolle des Ritters zur Chiffre für eine innere Einstellung und Lebenshaltung geworden, die in den vier Kardinaltugenden der Weisheit, der Besonnenheit und der Tapferkeit und der Gerechtigkeit und den drei christlichen Werten des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe wurzelt.“ Dem ist auf dem Weg zur nächsten Investitur in Fulda nichts hinzuzufügen.


Cfr. Matthias Kopp

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