Predigt des Großpriors S.E. Bischof Anton Schlembach beim Investiturgottesdienst am 24. April 2004 in der Reinoldikirche in Dortmund

Liebe Ordensschwestern und Ordensbrüder, Schwestern und Brüder im Herrn Jesus Christus!

„Über den Menschen ist genug geredet worden. Es ist Zeit, von Gott zu reden.“ So schrieb Andrej Siniawskij, eine Symbolfigur der sowjetischen Dissidentenbewegung, Anfang der 70er Jahre aus seinem Zwangsarbeitslager. Diese Worte sind heute nicht weniger aktuell als damals, auch für unseren Orden. Es ist Zeit, von Gott zu reden. Wir reden von Gott zuallererst durch unser Leben. Wer es mit uns zu tun bekommt, soll möglichst bald einfach feststellen: Dieser Mann, diese Frau hat es mit Gott zu tun. Gott gehört zu seiner, zu ihrer Identität.
Der Gott, den wir erfahrbar machen, kann nur zusammen gedacht werden mit Liebe und mit Auferstehung. Wer an ihn glaubt, weiß: Ich bin von Gott gewollt, gutgeheißen, ohne Wenn und Aber geliebt. Seine Liebe endet nicht bei meinem Tod. Sie bewährt sich gerade darin, dass sie mich durch den Tod hindurch zur Auferstehung führt. Diese Glaubensgewissheit ändert das Leben. Sie befreit von der Diesseitsbeschränkung, die sagt: Man muss sich abfinden. In Erfüllung gehen nur die kleinen Hoffnungen vor dem Tod und die nur manchmal. Mehr ist nicht drin. Der Gott der Auferstehung befreit von der Diesseitsvertröstung. Er entlarvt die Verheißungen des Warenfetischismus, des Konsum-, Freizeit- und Spassfetischismus als betrügerische Surrogate. Der Gott der Auferstehung befreit von der Diesseitsüberforderung: davor, dass man das Leben, sich selbst, den Ehepartner, die Medizin, die Wissenschaft, den Staat als Seligmacher ansieht. Das kann nur zu Enttäuschung und Frustration führen. Die Glaubensbindung an den Gott der Liebe und Auferstehung befreit zur wahren Freiheit. Sie bestätigt die Erfahrung des Bergsteigers: Das Kletterseil bindet. Es ermöglicht jedoch erst Höhe, Weitblick und eine einzigartige Freude. Es ist Zeit, von Gott zu reden durch unseren gelebten Gottesglauben, aber auch durch unseren Glaubenseinsatz, zu dem der Gottesglaube drängt. Dieser Glaubenseinsatz hat seinen Wirkungsort zuerst im kirchlichen Bereich. Der Ernstfall von Kirche ist die Pfarrei und die Diözese, unabhängig davon, ob ein Priester am Ort wohnt oder nicht. Es müsste ein Markenzeichen unserer Ordenszugehörigkeit sein, dass wir das kirchliche Leben in Pfarrei und Bistum aktiv mittragen: durch Mitbeteiligung an gottesdienstlichen Feiern, durch Mitarbeit in Gremien und Initiativen, durch die Abonnierung der Bistumszeitung, nicht zuletzt durch das Interesse an Ereignissen und Entwicklungen in der Weltkirche, besonders auch dort, wo sie Verfolgungen ausgesetzt ist. Es gibt nicht nur das kirchliche, es gibt auch das politische und gesellschaftliche Leben. Hier ist nicht weniger Glaubenseinsatz gefordert. Gott will, dass die Gesellschaft human, also menschendienlich und menschheitsdienlich ist - durch uns. Politikverdrossenheit, Politikmüdigkeit, Politikenthaltsamkeit sind Versuchungen. Ihnen muss man widerstehen. Wer wirklich an Gott glaubt, dem sind Staat und Gesetzgebung, Gesellschaft und Kultur nicht gleichgültig. Sie sind ihm Auftrag, sich zu informieren, mitzureden, mitzutun. Wenn nicht wir uns um Politik und Öffentlichkeit kümmern, kümmern sich bald andere um sie, aber anders als wir wollen. Ich halte es für eine christliche Glaubenspflicht, sich für unser Grundgesetz als Grundlage des Rechts- und Sozialstaates einzusetzen. Ihn gilt es auch unter veränderten Bedingungen, also im Rahmen der Europäisierung und Globalisierung in Richtung von mehr Humanisierung weiterzuent-wickeln. Das geht nicht immer kritiklos und ohne Einspruch. Wo der Mensch missverstanden wird, wo die menschliche Geschlechtlichkeit missverstanden wird, wo Ehe und Familie missverstanden werden, wo man das menschliche Leben, den Lebensschutz und die Menschenwürde beim menschlichen Embryo nicht vom Augenblick der Empfängnis an beginnen lässt; bei der Empfängnis, die ihren menschenwürdigen Ort nicht im Reagenzglas, sondern im Mutterleib und im liebevollen Schutzraum einer auf Lebenszeit angelegten Ehe zwischen Mann und Frau hat. Einspruch ist gefordert, wo man dem Menschen das Recht zugesteht, sich selbst zu töten oder töten zu lassen, wo man Gott und das christliche Erbe aus der europäischen Verfassung heraushalten will, da und an vielen anderen Orten ist unser öffentlicher christlicher Glaubenseinsatz herausgefordert. Wir haben uns kundig zu machen, uns zu Wort zu melden, unter Umständen zu widersprechen: mündlich oder auch schriftlich, etwa durch Leserbriefe. Gott braucht Menschen für Menschen, die Gott brauchen. Er braucht uns. Es ist Zeit, von Gott zu reden - um des Menschen willen. Denn Gott und Gott allein ist durch Jesus Christus in der Kirche das Heil des Menschen und der Welt. Unser Heil. Amen.

Aktuelles
Vatikan-Newsletter Nr. XIX erschienen

Die Juni-Ausgabe des Vatikan-Newsletter enthält eine Botschaft des Kardinal-Großmeisters und Berichte.

Frühjahrsinvestitur in Hamburg mit über 700 Teilnehmern

Die Deutsche Statthalterei des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem hielt vom 21. bis 23. Mai 2010 ihre Investiturfeier in Hamburg ab.

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Mit einem Pontifikalmat im Essener Dom feierte die Komturei St. Thomas Morus in Essen am Sonntag, dem 10. Mai 2010 ihr 50jähriges Bestehen.