Predigt von Erzbischof Hans-Josef Becker, Paderborn, bei der Investitur in Dortmund am 25. April 2004

„Nichts soll dem Gotteslob vorgezogen werden“, so schreibt es der heilige Benedikt in seiner Klosterregel im 13. Kapitel vor. Der Apostel Paulus rät im ersten Thessalonicher-Brief: „Betet ohne Unterlass!“ (1 Kor 5,17) Manche Christen fürchten, durch Gebet und Gottesdienst käme das Weltgeschäft zu kurz. Die lange Geschichte der Benediktinerklöster zeigt, dass sie mit „ora et labora“ nicht schlecht gefahren sind, und nicht nur sie. Sicher stand in dieser langen Tradition das Tun nicht im Schatten, sondern in einer gesunden Zuordnung zur Einkehr und zum Gebet.

Schon immer wurde den Menschen ein Freiraum mitten im Kräfte zehrenden Alltag des Lebens zugedacht. Das war für den Juden der siebte Tag, der „Schabbat“, an dem Israel den Schöpfergott preisen sollte. Für die Christen ist es der erste Tag der Woche, der als Sonntag der Feiertag der Erlösten ist. Die Christen sind durch Tod und Auferstehung Jesu Christi frei von der Last der Schuld und des Todes. Ob dies noch ins Bewusstsein gehoben wird angesichts der verfallenen Kultur des Sonntages auch in unseren christlichen Breiten, sei nur als Frage geäußert.

Die eben gehörte Lesung aus dem Buch der Offenbarung gleicht, so sehe ich es, einem Echo auf ein Leben, wie es zumindest im Ansatz sein könnte. Sie gleicht einem Echo auf ein Menschsein, in dem der neue Himmel und die neue Erde angebrochen ist. Sonntage und Feste sind die geöffnete Tür, deren Schwelle wir zwar noch nicht übertreten haben. Aber wir beginnen zu ahnen, welcher Glanz und welche Schönheit uns jenseits der Schwelle einmal begegnen werden, obwohl uns erst ein wenig Licht davon durch einen Spalt entgegenleuchtet.

Ist es ein grandioses Spektakel, das Johannes in der Apokalypse sehen darf? Der christliche Glaube ist überzeugt davon: Hier geht es um eine faszinierende Wirklichkeit, die uns mit Sehnsucht erfüllt und die auch wir gerne sehen möchten. Erinnern wir uns daran, dass das Buch der Offenbarung des Johannes zu allererst ein Trostbuch für die in Bedrängnis geratenen Christen war und es durch die Zeiten der Kirche hindurch geblieben ist. Da wird ein Gottesdienst entdeckt, die himmlische Liturgie, die geprägt ist von der Begeisterung jener, die sich Gottes Wohlgefallen und Zuwendung sicher sind. Die Liturgie ist geprägt von der Erfüllung und Freude jener, die sich bejaht wissen von dem, der sie ins Leben gerufen hat und der mit ihnen Geschichte gemacht hat. Nun sind sie von ihm heimgeholt und vollendet. Alle Erwartungen werden übertroffen: „Ihm, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm gebühren Lobpreis und Ehre, Herrlichkeit und Kraft in alle Ewigkeit. Amen.“ (Offb 5,14)

Manchmal findet sich eine Spur von dieser überwältigenden Erfahrung in unseren liturgischen Feiern. Es ist nicht nur Nostalgie oder sture Rückwärtsgewandtheit, wenn heute wieder festliche Hochformen der Liturgie eine andere Wertschätzung erfahren als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Wir feiern nicht uns selbst, sondern die Herrlichkeit des Herrn. Ich finde, eigentlich gehört etwas von diesem biblisch bezeugten Glanz in jeden Gottesdienst der Christen. An vielen Stellen der Messfeier legt die Liturgie den Teilnehmern den Lobpreis in den Mund: im Gloria, im Sanctus, in der Präfation und am Ende des Hochgebetes. Für alle Geschöpfe haben wir ihn zu formulieren, ihm, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm. In einem unserer Gemeindelieder singen wir ja auch: „Gott loben, das ist unser Amt.“(GL 474,5)

Ist ein solch regelrecht euphorischer Gesang nicht eine Zumutung beim Gedanken an jene, die „bei Gott“ nichts zu lachen haben, jene, die sich schwer tun mit dem Leben, jene, von denen wir manchmal sagen: Da kommt es auch wirklich „faustdick“? Wie kann Gott sich loben lassen, dessen Sohn das Rückgrat gebrochen wurde, als man ihn aufs Kreuz legte? – Aber gerade das für uns geopferte Lamm Gottes am Kreuz ist der Grund des Lobpreises; denn dieses Lamm hält ein Buch. Es ist das Buch seiner und unserer Geschichte. In diesem Buch stehen die unzähligen „Warum-Fragen“, die je von Menschen geschrieen und verstummend bezeugt wurden. In diesem Buch steht auch das anfragende Gebet Jesu am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“

Ausgerechnet dieses Buch von Gottes und der Menschen Ohnmacht wird geöffnet beim Gottesdienst in der himmlischen Vollendung, wie die Schrift bezeugt. Die Siegel der Tragik werden gebrochen. Und unser „Warum“ findet Antwort. Der Sinn des Lebens und der Weltgeschichte wird vom Ziel, von der Vollendung her offenbart.

Auch in diesem festlichen Gottesdienst, in dieser Zeit und an diesem Ort, gibt es das zentrale Thema: Der Vater und das Lamm. Weil die himmlische Liturgie die große Lösung, das Finale des Mysterienspiels „Welttheater“ feiert, ist christlicher Gottesdienst so etwas wie eine undichte Stelle, wo die zentralen Tatsachen des Erlösungsgeschehens regelrecht „ausgeplaudert“ werden. Hier ist kein Platz für Wunschträume und Spekulationen. Hier geht es um Nachrichten mit wahrem Hintergrund: das Evangelium von der Menschen-Zuwendung Gottes, das alle Anwesenden hoffen lässt. Und der Grund ist das Lamm: Ablage aller Schuld, Sühne allen Unrechts, Träger aller Vergeblichkeit, Brücke aller Abgründe, Antwort aller Fragen. Das Lamm ist Jesus Christus, der auferstandene und vom Vater in Ewigkeit verherrlichte Herr.

Diese Lösung des Lebens der Menschen, der Völker und ihrer Geschichte in der Endgültigkeit ist des Feierns nun wahrlich würdig und wert! Wir können nicht als tatenlos Zuschauende warten bis zum großen Finale, dem Tag des Herrn. Und wir dürfen es nicht, weil die Geschichte aller Geschichten schon über die Bühne gegangen ist, weil das sieghafte österliche Ende bereits eingeläutet wird. Darum – und nicht zuletzt darum – feiern wir Jahr für Jahr Ostern. An uns ist es, das an Ostern Geschehene Tag für Tag in unser Leben und das unserer Mitmenschen hinein zu nehmen und aus der Kraft des Sieges Christi über den Tod weiterzugehen: dem, der auf dem Thron sitzt, und dem Lamm entgegen! Und dazu kann man bewusst und getrost jene Bekräftigung aus dem letzten Buch der Heiligen Schrift aufgreifen: „Amen“.

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