Der geschuldete Glaube (Lk 17,5-10) – Predigt von Bischof Norbert Trelle, Hildesheim, im Dankgottesdienst anlässlich der Investitur vom 5. – 7. 10 2007 in St. Ägidien in Braunschweig

Verehrte liebe Ordensritter, liebe Schwestern und Brüder!

 

Ein so festlicher Gottesdienst zu einem so festlichen Anlass – und dann dieses Wort des Herrn, ein Wort, das so ganz und gar nicht passen will, ein Wort, das nicht besonders glaubensstärkend zu sein scheint, sondern eher entmutigend. Kein aufbauendes Wort auf die Bitte der Apostel um Stärkung im Glauben, sondern ein handfester Tadel: „Wenn euer Glaube nur so groß wäre, wie ein Senfkorn, könntet ihr zu dem Maul­beerbaum da sagen: Zieh deine Wurzeln heraus und wachse weiter im Meer. Er würde euch gehorchen...“

 

Wen hätte es gewundert, wenn die Apostel mit Empörung reagiert hätten: Ein Maulbeerbaum im Meer! Wo doch jeder weiß, daß der gar nicht viel Wasser braucht, daß er gerade in trockenen Gegenden besonders gut gedeiht, weil seine Wurzeln tief bis zum Grundwasser hinabreichen! Ja, es wäre schon ein Kunststück, diese Wurzeln aus dem Erdboden zu rei­ßen!

Worum geht es denn im Glauben? Um Kunststück­chen, Mirakel? Oder doch um mehr?

 

Schauen wir auf den Zusammenhang, in dem diese Worte Jesu stehen. Einige Verse zuvor sagt Jesus nämlich zu den Jüngern: „Und wenn dein Bruder dir siebenmal am Tag Unrecht tut und siebenmal wieder zu dir kommt und sagt ‚Ich will mich ändern!’, so sollst du ihm vergeben.“ Das for­dert die Reaktion der Jünger heraus. Das ist doch unmöglich. Herr, stärke unseren Glauben! - Ähnlich reagieren sie, als sie Jesus über die Ehe reden hören. Ja, wenn das so ist, dann ist es ja besser, gleich gar nicht zu heiraten. - Oder, wie sie Jesus einmal beten sehen in seiner ganzen und direkten Hingabe an den Vater: Herr, lehre uns beten! Jesu Radikalität erschüttert seine Jünger, macht sie ratlos, lässt sie hilflos fragen und bitten. Sie spüren, daß sie hier an einer Grenze stehen, die sie nicht überschreiten können, nicht aus eigener Kraft.

 

Und dann diese Antwort, die wir jetzt vielleicht besser verstehen, weil wir den Hintergrund besser kennen: Ja, wenn euer Glaube auch nur minimal wäre, dann würden bei euch Dinge geschehen, die jeder für unmöglich, hirnverbrannt, übermenschlich gehalten hätte. Dann würdet ihr immer ver­zeihen, auch ohne Aussicht auf Änderung. Dann würdet ihr eure Feinde lieben. Dann würden eure Ehen Spiegelbilder eines neuen Lebensent­wurfs, dann würdet ihr füreinander das Leben geben, wie ich es für euch gegeben...

Merken Sie es? Das Unmögliche, das „Hirnverbrannte“, um das es Jesus geht, das ist sein eigenes, radikales Leben, das in der Kirche Gegenwart werden soll. Diese Kirche muß eine stän­dige Herausforderung für ihre Umwelt sein. Das ist und bleibt eine harte Anfrage für die Jünger damals wie für uns heute.

Sind wir das? Sind wir das – auch und gerade in „hervorgehobener Stellung“, herausfordernd im positiven Sinn?

 

Wir sind ja noch nicht am Ende mit dem heutigen Evangelium. Es bleibt da noch der andere Satz: Wenn ihr alles getan habt, was ich euch befohlen habe, sollt ihr denken: Wir sind unnütze Sklaven, wir haben nur unsere Schuldigkeit getan. Neben das Wort von der Macht des Glaubens stellt der Evangelist das gleichnishafte Bildwort von den unnützen Sklaven. Warum ?

Nun, nach Ostern hatte sich in den ersten christlichen Gemeinden bewahrheitet, daß sich durch den Glauben der Glaubenden ganz Ungewöhnliches, Überraschendes, für unmöglich Gehaltenes im Namen Jesu ereignete. Es bewahrheitete sich das Wort im Johannes­-Evangelium: „Amen, ich sage euch, wer an mich glaubt, der wird die Werke, die ich tue, auch selbst tun, und er wird größere als diese tun, weil ich zum Vater gehe“ (Joh 14, 12) 

Nun gab es aber  welche, die sich ihres Glaubens rühmten, große Prediger, Propheten, Wundertäter traten in den Gemein­den auf, reisten von Gemeinde zu Gemeinde.

Im ersten Korintherbrief des Apostels Paulus erfahren wir ein wenig von dieser Zeit. Da war ein Apollos, ein gebildeter Grieche, der sich bekehrt hatte und nun in Grie­chenland und in Kleinasien als großer Charismatiker umjubelt wurde. Paulus, dem die Gemeinde ihren Glauben an Christus verdankte, galt gegenüber diesem Apollos überhaupt nichts mehr. Mit Apollos nun setzt sich Paulus sehr nobel auseinander. Er fragt einfach: „Was hast du, was du nicht emp­fangen hättest? Wenn du es aber empfangen hast, warum rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen?“ (1 Kor 4, 7).

Das gleiche will das Jesuswort sagen. Allem Personenkult hält er entgegen: Wenn ihr alles getan habt, was euch be­fohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Sklaven, wir haben nur unsere Schuldigkeit getan. Alles, was in der Kirche, in der Gemeinschaft der Glaubenden an Großartigem und Überraschendem geschieht, hat den Herrn zum Urheber. Keiner kann sich deshalb herausstellen, keiner ver­dient deshalb eigene Bewunderung und Verehrung. Dies gilt von jedem Christ bis hin zum Papst, der nicht umsonst als ersten seiner Amtstitel den des „Servus servorum Christi“ trägt – Diener der Diener Christi. Die Kirche verträgt keinen Personenkult!

Und das gilt natürlich auch für die Angehörigen eines christlichen Ritterordens: Das Gewand nach außen will nur verdeutlichen, was im Innersten lebendig sein muß. Jeder Jünger Jesu, in welch ehrenvollem Dienst und in welch besonderer Verantwortung er auch stehen mag, hat bestenfalls seine Pflicht und Schuldigkeit getan.

 

Das Wort Jesu, des Herrn, von den unnützen Sklaven macht uns alle demütig. Wo immer wir den einander geschuldeten Glauben in Werken der Liebe bezeugen, kann dies nur geschehen in demütiger Dankbarkeit dem gegenüber, der der Geber aller guten Gaben ist. Amen.

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